Reinkarnationsbewusstsein und kosmopolitische Identität
„Diejenigen, die getötet wurden, kommen nicht zurück“, schreibt Svein Tore Marthinsen in einer Blog-Post in der Tageszeitung
Aftenposten über die Massaker in Oslo und auf Utøya. Natürlich hat er recht! Auch in Bezug auf die Reinkarnationsidee hat er recht. Der Mensch, der ich heute bin, kann nur so sein, wie ich jetzt bin unter den gegebenen Bedingungen in der aktuellen Inkarnation als geborener und aufgewachsener Norweger, der mit dem Reisepass des norwegischen Staats während fast eines ganzen Erwachsenenlebens in Schweden und Deutschland gelebt hat. Die Personen, die ich in früheren Leben gewesen bin, waren anders als ich jetzt bin, und diejenigen, die ich in möglichen künftigen Inkarnationen sein werde, werden ganz anders als mein heutiges Ich. Jedoch gibt es etwas Durchgehendes, das mit uns konsequent verbunden bleibt in den vielen Leben, die wir alle in verschiedenen Kulturen und Völker hatten. Wenn wir etwas von diesen Themen ergreifen und erkennen, dass wir in unserem höheren Selbst solchen Kulturen mittragen, die heute als etwas Fremdes scheinen in Bezug auf unsere aktuelle Heimatkultur, werden wir nie denken, dass „unsere“ Kultur besser wäre oder höher sein würde als die anderen.
Wie wird das durchgehende Thema, das mit meiner Individualität zu tun hat, gefärbt oder beeinflusst durch die Kulturen und die sozialen Zusammenhänge, durch die ich hindurch passiere? Ist es möglich in meiner derzeitigen Persönlichkeit etwas von den gesellschaftlichen Milieus wiederzuerkennen, in denen ich in vergangenen Leben gelebt habe? Da ich viele meiner früheren Leben erinnern kann und eine Idee habe, über die mögliche Richtung meines Karmas in der Zukunft, könnte es berechtigt sein, etwas über die kosmopolitische Identität anzudeuten, die tatsächlich sich bildet als eine unvermeidliche Folge des Bewusstseins über Wiedergeburt und der Karmaerkenntnis.
Ich behaupte, Erinnerungen zu besitzen aus vielen verschiedenen Kulturen, Nationen und Gesellschaften, in welchen ich in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden lebte. Ich habe tatsächlich in der meditativen Praxis eine Reihe von Orten wiederentdeckt, wo ich geboren oder gestorben bin oder getötet wurde. Einige von ihnen habe ich besucht– wie Bucha im deutschen Bundesland Thüringen und Delphi und Eleusis in Griechenland. Ich bin Schweizer, Deutsche und Grieche gewesen. Ich bin ebenfalls Ägypter, Inder und Chinese gewesen. Ich bin in Schottland, Irland und Italien geboren. Ich wurde sowohl unter dramatischen Umständen im römischen Reich als auch in einer idyllischen Umgebung des antiken Griechenlands geboren. Ich habe sowohl eine französische Mutter als auch ein schottischer Vater gehabt, sowie irische, chinesische, indische, ägyptische und griechische Eltern. Ich wurde sowohl innerhalb der Ehe als auch als sogenannter Bastard geboren, und ich wurde sogar einmal in den Wald ausgesetzt, um zu sterben, aber ich wurde von Füchsen in einer Höhle abenteuerlich gerettet.
Ich bin aufgewachsen in Zelten, Holzhäusern, Steinhäusern, Villen, Burgen und Schlössern. Ich lebte in der Wüste, im Dschungel, in den Bergen, in Dörfern und in Städten. Ich bin königlich, adelig, Handwerker und Priester gewesen. Ich habe Kleidung aus Leder und Wolle, Vadmal und Baumwolle, Seide und Samt getragen. Ich bin in Holzschuhen und in Sandalen aus Ziegenleder geschritten, aus Holz und Zinntellern gegessen und war im Besitz von Helmen aus Eisen und Gold. Mein Bild ist in Münzen geprägt, mein Gesicht in Marmor nachgebildet und mein Gestalt in Kupfer geschlagen. Diese Ehrungen verhinderten jedoch nicht, dass ich inhaftiert, gefoltert und geschändet wurde. Ich habe viele geheilt, aber auch mehrere getötet. Ich habe in einem Zusammenhang die Wahrheit gesprochen, so dass bestimmte Personen mit dem Tod bestraft werden sollten, in einem anderen jedoch gelogen, um meine eigene Haut zu retten. Ich bin durch die Rocky Mountains und die Alpen geritten, bin über den Berg Parnass in Griechenland gelaufen und bin mit dem Boot gefahren auf dem Rhein, dem Nil und dem Han Jiang in China, der längste Seitenfluss des Jangtsekiang. Ich bin in Schiffen im Schwarzen Meer gesegelt und über den Ärmelkanal und dem Atlantik. Ich bin auf dem Pferderücken von Ohio nach Oregon geritten, zu Fuß mit Esel von Mainz nach Modena gelaufen, und als Frau habe ich Elefanten gezähmt am Fluss Tawa in der heutigen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh.
Ich starb in Italien, England und Kanada. Ich wurde einmal auf Kreta von einem wilden Stier getötet, schlief ein im hohen Alter in China und wurde am 9. August 378 zum Tode erstochen in der zweiten Schlacht von Adrianopel (heute Edirne, Türkei), die gekämpft wurde zwischen einer römischen Armee, der durch den wenig bekannten Kaiser Valens geführt wurde, und Westgoten (vor allem von Terwingen und von einigen iranischen Alanen unterstützt), die durch Fritigern, der Führer der Terwingen, zum Sieg herangeführt wurde. Im Mittelalter starb ich einmal überraschend in Fieber, später einmal starb ich in der Jugend aufgrund der Kinderlähmung und ein drittes Mal war ich von Geburt an blind. Ich habe Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Italienisch, Latein und Griechisch gesprochen plus einige indische Sprachen und verschiedene alte Sprachen, da es tatsächlich möglich ist, in meditativem Bewusstsein sich ihnen anzunähern. Ich bin Quäker, Protestant und Katholik gewesen, und ich war in verschiedenen früheren Leben mit verschiedenen vorchristlichen Glaubens- und Mysterienrichtungen verbunden. Nicht zuletzt habe ich abwechselnd in mehreren männlichen und weiblichen Inkarnationen gelebt. Ich bin Wahrsagerin, Hieroglyphen-Schreiber, Marathonläufer, weibliche Troubadour, Bischof, Königin und Eisenbahningenieur gewesen.
Ich bin eine Mutter am Dongting-See in China, ein Vater in Athen, ein Großmutter in Rom, ein Onkel in Mainz und eine Tochter in Edinburgh gewesen. Sowohl als Mutter als auch Vater hatte ich Söhne und Töchter und Enkel. Ich habe wiedererlebt, wie untröstlich es ist, eine Frau zu sein, die ein totes Kind gebiert. Ich weiß, wie herzzerreißend es ist, dem einzigen Sohn beraubt zu werden. Ich weiß, wie traurig es ist, seinen liebsten Sohn während einer intriganten Vergiftung in Antiochia am Orontes zu verlieren und wie schrecklich es ist, selbst geköpft zu werden in einem feuchten Schloss im Dorf Fotheringay in England. Solch eine endlose Aufzählung von Anspielungen und Behauptungen mag oberflächlich sein und wenig zu tun haben mit der gegenwärtigen oft dramatischen und brutalen Realität. Allerdings gibt es hinter jedem dieser Begriffe und Ortsnamen persönliche Gefühle und Erkenntnisse, die manchmal im Erfahrungsprozess ebenso real wahrgenommen wurden –, und wie unglaublich es klingt, in einigen Fällen stärker erlebt wurden – als die, die ich in Bezug auf mein jetziges Leben habe. Lass mich etwas aus einem früheren Leben vor fast 6000 Jahren (die Entfernung in äußerer Zeit zu diesem früheren Leben ist unwirklich lang, aber die Erstreckung im spirituellen Raum zu seinen karmischen Erinnerungen ist überraschend nahe) andeuten:
Ich weiß, wie ein Mädchen von acht Jahren namens Alavira fühlte, die auf seinen jüngeren Bruder aufpasste und während sie ein Stück vom Zeltlager irgendwo in Nordafrika spielten, kurz danach entdeckten, dass ihre Eltern und alle Mitglieder des Haushalts von Wegelagerern überfallen und entführt worden waren . Weil ich dieses Mädchen selbst gewesen bin, weiß ich, wie es war, sich von Insekten und Kräutern tagelang am Leben zu halten, bis Fremde in einer Karawane kamen, die uns zu einer Oase brachten, wo wir einem freundlichen alten Mann übergeben wurden, der uns später trennte, um uns anderswo abzugeben, weil er uns nicht sehr lange selbst behalten konnte. Ich weiß, welcher Verlust es für Alavira bedeutete, ihre Eltern zu vermissen, aber noch mehr schmerzlich war es, von ihrem geliebten kleinen Bruder getrennt zu werden, obwohl die Umstände nicht zuließen, dass etwas anderes geschehen konnte. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, ihn wieder heute anzutreffen, denn eines Tages entdeckte ich ahnungslos, dass jemand, den ich vor kurzem kennengelernt hatte, sich gerade als der „ersehnte kleiner Bruder“ erwies.
Ich weiß, wie es für Alavira sich anfühlte, mit kulturellen Impulsen verbunden zu sein, die von einer alten Initiationsstelle am Fuße des Atlasgebirges ausgingen, wohin sie in ihrer Jugend gebracht wurde –, für welche sich noch keine heutigen Archäologen interessieren, auch wenn ihre Reste östlich der marokkanischen Stadt Marrakesch ausgegraben werden konnten – und deren Ausbreitung sich erstreckten zu den Ländern rund um den See Yssykköl in Kirgisistan, wo Alavira für einige Jahre als Beraterin diente beim Provinzherrscher. Ich weiß auch, wie sie sich fühlte, als sie vorhersagte, dass ein Erdbeben kommen würde, und der Herrscher ihr nicht glaubte und das Desaster kam und nur eine kleine Gruppe es schaffte, mit ihr an der Spitze zu entkommen. „Gottes Wege sind unergründlich“ (wiedergegeben in Deutsch), sagte sie lakonisch!
Dies ist nur ein kleiner Hinweis, wie ich wegen meines Reinkarnationsstudiums und meiner karmischen Recherchen mich verbunden fühle mit den verschiedenen Kulturen und mit den ethnischen Einflüssen der ganzen Welt. Eine solche Haltung und eine Denkweise, die zugrundeliegt der Gewalt in Oslo, auf Utøya und überall sonst auf der Welt, wo Terrorismus sich entfaltet, ist nicht durchführbar in der Perspektive, die sich aufgrund des Reinkarnations- und der Karmagedanken eröffnet. Es ist ein fatales Missverständnis zu denken, dass jemand durch Töten und durch Gewalt gegen Menschen die Entwicklung der Gesellschaft in die gewünschte Richtung beeinflussen könnte. Die Gesetze des Karmas sind grundsätzlich stärker als jeder menschliche Wille.
Anders Behring Breivik wird in Zukunft – wenn nicht schon vorher, dann wenigstens nach dem Tod –wiedererleben und sich damit identifizieren müssen jeden Schmerz und Schrecken, derer, die er am 22. Juli dieses Jahres gequält und getötet hat. Auch die Gefühle von Schock, Verlust und Trauer der Angehörigen und die Gefühle von uns allen, die solche Handlungen verabscheuen, muss er ertragen und einverleiben mit seiner künftigen Bestimmung. Dass es mir z.B. mit meinen Überzeugungen über Gewaltlosigkeit und des interkulturellen Dialogs als politischer Weg der Zukunft nicht gelungen ist, beitragen, dass Breivik und andere Terroristen in isolierter Verzweiflung, grausamem Fanatismus und hasserfülltem Fundamentalismus nicht landeten, werde ich natürlich auch zu meinem karmischen Mantel anrechnen. Ich werde daher gar nicht freigehen können. Und meine Zukunft wird immer eine neue Richtung nehmen für jede Haarsträhne, die gebrochen wird an meinem Nächsten, wenn es gegen seinem freien Willens geschieht. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25:40)
Es ist überraschend wie viele Kulturen, Menschen und Gruppen, die ich als zu meinem eigenen Einflussbereich während der Erdenleben zählen kann. Ich werde schließlich nur einige von ihnen nennen: die chinesische Yangshao-Kultur, die Obed-Kultur in Mesopotamien, die Berber, die Ägypter, die Hethiter, die Israeliten, die Griechen, die Römer, die urchristliche Versammlungen in Rom und in Korinth im ersten Jahrhundert n. Chr., der Arthurstrom und der Gralsstrom im 9. Jahrhundert, die Staufer im 12. Jahrhundert, das Haus der Guise in Frankreich im 16. Jahrhundert und die Lakota- und Hopi-Indianer im 19. Jahrhundert. Wenn ich heute Antipathie oder beleidigenden Gefühle gegenüber Menschen hegen würde, die von diesen Menschen, von diesen Ländern oder Regionen stammen, so könnte es sein, dass ich mich auflehnen würde gegen meine eigenen Nachkommen oder diejenigen meiner Verwandten oder Freunden aus der Zeit als ich mit ihren Vorfahren verbunden war. Ich würde also in einem genetischen Konflikt mit mir selbst raten, wenn ich nun beginnen würde, mich gegen sie mit Macht oder Gewalt zu widersetzen. „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ (Galater3:28) Dieses Christuswort kann buchstäblich in karmischem Sinn verstanden werden.
Das Durchgehende in uns in allen Kulturen und Völker, in denen wir in unseren vergangenen Leben gelebt haben, entspricht der kulturelle, soziale und politische Impuls, den Christus in die Menschheit brachte, nämlich durch freundschaftlichen Dialog und gewaltfreie Kommunikation zu einer vielkulturellen Gesellschaft in gegenseitigem Respekt, in Frieden und Harmonie zu gestalten, wo keine Kultur auf Kosten der anderen zu leiden hat. Kultur ist kein statisches Phänomen, sondern ein veränderliches, ja, auf lange Sicht eine fast ephemere Struktur oder eine soziale Einrichtung, in welche wir leben und wirken und beeindruckt sein dürfen in wenig Zeit, während wir unsere wunderbare, schöne und einzigartige Erde besuchen im Rahmen eines kurzen Lebens. Norwegen ist nicht mehr das Land, wo ich aufgewachsen bin, etwas, was ich wohl trauere, wenn ich auf den überwachsenen Pfaden des Mutterlandes wandle, aber es nutzt nichts: die Entwicklung geht weiter und ich bin dafür sehr glücklich. Neue Wege mit Markierungen der Ortskenner und mit kosmopolitischen Zeichen sind entstanden, während ich in freiwilligem Exil unterwegs war.■
In meiner karmischen Autobiografie habe ich ausführlich erzählt, wie ich zu Erkenntnissen über frühere Leben gekommen bin.
Die deutsche Originalausgabe „Wandeln unsichtbaren Unter Menschen“ wurde vom Verlag eingestellt, kann aber immer noch direkt bei mir bestellt werden: info@gamamila.de
Die englische Version „Living with invisible people” kann bestellt werden durch clairviewbooks.com
Abbildung: Wassily Kandinsky,
Improvisation 6 (Afrikanisches), 1909, Öl auf Leinwand,. 107 x 99.5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München. Quelle:
isar-arabesken.de