10
Mrz
2012

Einloggen, bloggen, flüggen

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Während vier Jahre habe ich unterschiedliche Blogs betrieben. Der Respons auf dieser Art Wortlaute war sehr unterschiedlich – manchmal positiv und aufmunternd, ab und zu kritisch und beratschlagend, bisweilen auch einfach unpassend. Ich hätte mich allerdings hier und da mehr Kommentare und Rückmeldungen gewünscht, die zu weiteren Erforschungen in geistigen Fragen hätten führen können. Besonders bei den skandinavischen Blogs gab es sehr wenig Feedback, und es hat auch geringfügig genutzt, sich bei Facebook zu portionieren, wo ich zwei Jahre lang Mitglied war und mit über 500 Menschen verschiedene Berührungen hatte, aber jetzt wegen der Geschäftspolitik des FB ausgestiegen bin.

Ich fing 2008 an mit einem deutschen Blog, der lange auf meine eigene Webadresse gamamila.de gepostet wurde. Als ich zu blogspot.com überging, ging leider die bis dahin geposteten Illustrationen verloren. Damit wurde der Blog etwas unvollständig und nach einer Weile führte ich meinen deutschen Kurztexten weiter auf die neue Adresse bei twoday.net. Auch in demselben Jahr startete ich einen norwegischen Blog auf blogg.no. Später ergänzte ich diese publizistische Tätigkeit mit einem englischen und noch einem Blog in schwedischer Sprache.

Statt mein Bloggen auf drei unterschiedlichen Stellen zu orten, was etwas mühsam ist, da ich immer zwischen grundverschiedener Profile wechseln muss, möchte ich jetzt alle in einem neuen Blog auf Blogspot.com vereinen. Hiermit lade ich alle meine Leser ein, mich auf der neuen Blog zu folgen und, sofern man etwas gut findet, auch anderswo weiterzuvermitteln. Der neue Blog hat etwa das gleiche Layout wie die ehemaligen englischen und schwedischen Blogs. Der eventuelle Erfolg solcher literarischen Beschäftigung hängt selbstverständlich davon ab, ob Leser mich finden, aber auch wenn der Blog meist „unsichtbar“ außerhalb der Debatten im Rampenlicht sein würde, habe ich außerordentlich viel Spaß beim Schreiben und lerne sehr viel davon.

Auf diesem Blog werde ich ab jetzt nichts Neues posten. Der Blog bleibt jedoch eine Zeitlang stehen, so dass die älteren Texte aufrufbar sein werden. Anstelle ist jeder auf gamamila.blogspot.com willkommen, auf sowohl Deutsch, Englisch, Norwegisch als auch Schwedisch weiter zu lesen!

4
Aug
2011

Meine Multi-Kulturen

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Reinkarnationsbewusstsein und kosmopolitische Identität

„Diejenigen, die getötet wurden, kommen nicht zurück“, schreibt Svein Tore Marthinsen in einer Blog-Post in der Tageszeitung Aftenposten über die Massaker in Oslo und auf Utøya. Natürlich hat er recht! Auch in Bezug auf die Reinkarnationsidee hat er recht. Der Mensch, der ich heute bin, kann nur so sein, wie ich jetzt bin unter den gegebenen Bedingungen in der aktuellen Inkarnation als geborener und aufgewachsener Norweger, der mit dem Reisepass des norwegischen Staats während fast eines ganzen Erwachsenenlebens in Schweden und Deutschland gelebt hat. Die Personen, die ich in früheren Leben gewesen bin, waren anders als ich jetzt bin, und diejenigen, die ich in möglichen künftigen Inkarnationen sein werde, werden ganz anders als mein heutiges Ich. Jedoch gibt es etwas Durchgehendes, das mit uns konsequent verbunden bleibt in den vielen Leben, die wir alle in verschiedenen Kulturen und Völker hatten. Wenn wir etwas von diesen Themen ergreifen und erkennen, dass wir in unserem höheren Selbst solchen Kulturen mittragen, die heute als etwas Fremdes scheinen in Bezug auf unsere aktuelle Heimatkultur, werden wir nie denken, dass „unsere“ Kultur besser wäre oder höher sein würde als die anderen.

Wie wird das durchgehende Thema, das mit meiner Individualität zu tun hat, gefärbt oder beeinflusst durch die Kulturen und die sozialen Zusammenhänge, durch die ich hindurch passiere? Ist es möglich in meiner derzeitigen Persönlichkeit etwas von den gesellschaftlichen Milieus wiederzuerkennen, in denen ich in vergangenen Leben gelebt habe? Da ich viele meiner früheren Leben erinnern kann und eine Idee habe, über die mögliche Richtung meines Karmas in der Zukunft, könnte es berechtigt sein, etwas über die kosmopolitische Identität anzudeuten, die tatsächlich sich bildet als eine unvermeidliche Folge des Bewusstseins über Wiedergeburt und der Karmaerkenntnis.

Ich behaupte, Erinnerungen zu besitzen aus vielen verschiedenen Kulturen, Nationen und Gesellschaften, in welchen ich in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden lebte. Ich habe tatsächlich in der meditativen Praxis eine Reihe von Orten wiederentdeckt, wo ich geboren oder gestorben bin oder getötet wurde. Einige von ihnen habe ich besucht– wie Bucha im deutschen Bundesland Thüringen und Delphi und Eleusis in Griechenland. Ich bin Schweizer, Deutsche und Grieche gewesen. Ich bin ebenfalls Ägypter, Inder und Chinese gewesen. Ich bin in Schottland, Irland und Italien geboren. Ich wurde sowohl unter dramatischen Umständen im römischen Reich als auch in einer idyllischen Umgebung des antiken Griechenlands geboren. Ich habe sowohl eine französische Mutter als auch ein schottischer Vater gehabt, sowie irische, chinesische, indische, ägyptische und griechische Eltern. Ich wurde sowohl innerhalb der Ehe als auch als sogenannter Bastard geboren, und ich wurde sogar einmal in den Wald ausgesetzt, um zu sterben, aber ich wurde von Füchsen in einer Höhle abenteuerlich gerettet.

Ich bin aufgewachsen in Zelten, Holzhäusern, Steinhäusern, Villen, Burgen und Schlössern. Ich lebte in der Wüste, im Dschungel, in den Bergen, in Dörfern und in Städten. Ich bin königlich, adelig, Handwerker und Priester gewesen. Ich habe Kleidung aus Leder und Wolle, Vadmal und Baumwolle, Seide und Samt getragen. Ich bin in Holzschuhen und in Sandalen aus Ziegenleder geschritten, aus Holz und Zinntellern gegessen und war im Besitz von Helmen aus Eisen und Gold. Mein Bild ist in Münzen geprägt, mein Gesicht in Marmor nachgebildet und mein Gestalt in Kupfer geschlagen. Diese Ehrungen verhinderten jedoch nicht, dass ich inhaftiert, gefoltert und geschändet wurde. Ich habe viele geheilt, aber auch mehrere getötet. Ich habe in einem Zusammenhang die Wahrheit gesprochen, so dass bestimmte Personen mit dem Tod bestraft werden sollten, in einem anderen jedoch gelogen, um meine eigene Haut zu retten. Ich bin durch die Rocky Mountains und die Alpen geritten, bin über den Berg Parnass in Griechenland gelaufen und bin mit dem Boot gefahren auf dem Rhein, dem Nil und dem Han Jiang in China, der längste Seitenfluss des Jangtsekiang. Ich bin in Schiffen im Schwarzen Meer gesegelt und über den Ärmelkanal und dem Atlantik. Ich bin auf dem Pferderücken von Ohio nach Oregon geritten, zu Fuß mit Esel von Mainz nach Modena gelaufen, und als Frau habe ich Elefanten gezähmt am Fluss Tawa in der heutigen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh.

Ich starb in Italien, England und Kanada. Ich wurde einmal auf Kreta von einem wilden Stier getötet, schlief ein im hohen Alter in China und wurde am 9. August 378 zum Tode erstochen in der zweiten Schlacht von Adrianopel (heute Edirne, Türkei), die gekämpft wurde zwischen einer römischen Armee, der durch den wenig bekannten Kaiser Valens geführt wurde, und Westgoten (vor allem von Terwingen und von einigen iranischen Alanen unterstützt), die durch Fritigern, der Führer der Terwingen, zum Sieg herangeführt wurde. Im Mittelalter starb ich einmal überraschend in Fieber, später einmal starb ich in der Jugend aufgrund der Kinderlähmung und ein drittes Mal war ich von Geburt an blind. Ich habe Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Italienisch, Latein und Griechisch gesprochen plus einige indische Sprachen und verschiedene alte Sprachen, da es tatsächlich möglich ist, in meditativem Bewusstsein sich ihnen anzunähern. Ich bin Quäker, Protestant und Katholik gewesen, und ich war in verschiedenen früheren Leben mit verschiedenen vorchristlichen Glaubens- und Mysterienrichtungen verbunden. Nicht zuletzt habe ich abwechselnd in mehreren männlichen und weiblichen Inkarnationen gelebt. Ich bin Wahrsagerin, Hieroglyphen-Schreiber, Marathonläufer, weibliche Troubadour, Bischof, Königin und Eisenbahningenieur gewesen.

Ich bin eine Mutter am Dongting-See in China, ein Vater in Athen, ein Großmutter in Rom, ein Onkel in Mainz und eine Tochter in Edinburgh gewesen. Sowohl als Mutter als auch Vater hatte ich Söhne und Töchter und Enkel. Ich habe wiedererlebt, wie untröstlich es ist, eine Frau zu sein, die ein totes Kind gebiert. Ich weiß, wie herzzerreißend es ist, dem einzigen Sohn beraubt zu werden. Ich weiß, wie traurig es ist, seinen liebsten Sohn während einer intriganten Vergiftung in Antiochia am Orontes zu verlieren und wie schrecklich es ist, selbst geköpft zu werden in einem feuchten Schloss im Dorf Fotheringay in England. Solch eine endlose Aufzählung von Anspielungen und Behauptungen mag oberflächlich sein und wenig zu tun haben mit der gegenwärtigen oft dramatischen und brutalen Realität. Allerdings gibt es hinter jedem dieser Begriffe und Ortsnamen persönliche Gefühle und Erkenntnisse, die manchmal im Erfahrungsprozess ebenso real wahrgenommen wurden –, und wie unglaublich es klingt, in einigen Fällen stärker erlebt wurden – als die, die ich in Bezug auf mein jetziges Leben habe. Lass mich etwas aus einem früheren Leben vor fast 6000 Jahren (die Entfernung in äußerer Zeit zu diesem früheren Leben ist unwirklich lang, aber die Erstreckung im spirituellen Raum zu seinen karmischen Erinnerungen ist überraschend nahe) andeuten:

Ich weiß, wie ein Mädchen von acht Jahren namens Alavira fühlte, die auf seinen jüngeren Bruder aufpasste und während sie ein Stück vom Zeltlager irgendwo in Nordafrika spielten, kurz danach entdeckten, dass ihre Eltern und alle Mitglieder des Haushalts von Wegelagerern überfallen und entführt worden waren . Weil ich dieses Mädchen selbst gewesen bin, weiß ich, wie es war, sich von Insekten und Kräutern tagelang am Leben zu halten, bis Fremde in einer Karawane kamen, die uns zu einer Oase brachten, wo wir einem freundlichen alten Mann übergeben wurden, der uns später trennte, um uns anderswo abzugeben, weil er uns nicht sehr lange selbst behalten konnte. Ich weiß, welcher Verlust es für Alavira bedeutete, ihre Eltern zu vermissen, aber noch mehr schmerzlich war es, von ihrem geliebten kleinen Bruder getrennt zu werden, obwohl die Umstände nicht zuließen, dass etwas anderes geschehen konnte. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, ihn wieder heute anzutreffen, denn eines Tages entdeckte ich ahnungslos, dass jemand, den ich vor kurzem kennengelernt hatte, sich gerade als der „ersehnte kleiner Bruder“ erwies.

Ich weiß, wie es für Alavira sich anfühlte, mit kulturellen Impulsen verbunden zu sein, die von einer alten Initiationsstelle am Fuße des Atlasgebirges ausgingen, wohin sie in ihrer Jugend gebracht wurde –, für welche sich noch keine heutigen Archäologen interessieren, auch wenn ihre Reste östlich der marokkanischen Stadt Marrakesch ausgegraben werden konnten – und deren Ausbreitung sich erstreckten zu den Ländern rund um den See Yssykköl in Kirgisistan, wo Alavira für einige Jahre als Beraterin diente beim Provinzherrscher. Ich weiß auch, wie sie sich fühlte, als sie vorhersagte, dass ein Erdbeben kommen würde, und der Herrscher ihr nicht glaubte und das Desaster kam und nur eine kleine Gruppe es schaffte, mit ihr an der Spitze zu entkommen. „Gottes Wege sind unergründlich“ (wiedergegeben in Deutsch), sagte sie lakonisch!

Dies ist nur ein kleiner Hinweis, wie ich wegen meines Reinkarnationsstudiums und meiner karmischen Recherchen mich verbunden fühle mit den verschiedenen Kulturen und mit den ethnischen Einflüssen der ganzen Welt. Eine solche Haltung und eine Denkweise, die zugrundeliegt der Gewalt in Oslo, auf Utøya und überall sonst auf der Welt, wo Terrorismus sich entfaltet, ist nicht durchführbar in der Perspektive, die sich aufgrund des Reinkarnations- und der Karmagedanken eröffnet. Es ist ein fatales Missverständnis zu denken, dass jemand durch Töten und durch Gewalt gegen Menschen die Entwicklung der Gesellschaft in die gewünschte Richtung beeinflussen könnte. Die Gesetze des Karmas sind grundsätzlich stärker als jeder menschliche Wille.

Anders Behring Breivik wird in Zukunft – wenn nicht schon vorher, dann wenigstens nach dem Tod –wiedererleben und sich damit identifizieren müssen jeden Schmerz und Schrecken, derer, die er am 22. Juli dieses Jahres gequält und getötet hat. Auch die Gefühle von Schock, Verlust und Trauer der Angehörigen und die Gefühle von uns allen, die solche Handlungen verabscheuen, muss er ertragen und einverleiben mit seiner künftigen Bestimmung. Dass es mir z.B. mit meinen Überzeugungen über Gewaltlosigkeit und des interkulturellen Dialogs als politischer Weg der Zukunft nicht gelungen ist, beitragen, dass Breivik und andere Terroristen in isolierter Verzweiflung, grausamem Fanatismus und hasserfülltem Fundamentalismus nicht landeten, werde ich natürlich auch zu meinem karmischen Mantel anrechnen. Ich werde daher gar nicht freigehen können. Und meine Zukunft wird immer eine neue Richtung nehmen für jede Haarsträhne, die gebrochen wird an meinem Nächsten, wenn es gegen seinem freien Willens geschieht. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25:40)

Es ist überraschend wie viele Kulturen, Menschen und Gruppen, die ich als zu meinem eigenen Einflussbereich während der Erdenleben zählen kann. Ich werde schließlich nur einige von ihnen nennen: die chinesische Yangshao-Kultur, die Obed-Kultur in Mesopotamien, die Berber, die Ägypter, die Hethiter, die Israeliten, die Griechen, die Römer, die urchristliche Versammlungen in Rom und in Korinth im ersten Jahrhundert n. Chr., der Arthurstrom und der Gralsstrom im 9. Jahrhundert, die Staufer im 12. Jahrhundert, das Haus der Guise in Frankreich im 16. Jahrhundert und die Lakota- und Hopi-Indianer im 19. Jahrhundert. Wenn ich heute Antipathie oder beleidigenden Gefühle gegenüber Menschen hegen würde, die von diesen Menschen, von diesen Ländern oder Regionen stammen, so könnte es sein, dass ich mich auflehnen würde gegen meine eigenen Nachkommen oder diejenigen meiner Verwandten oder Freunden aus der Zeit als ich mit ihren Vorfahren verbunden war. Ich würde also in einem genetischen Konflikt mit mir selbst raten, wenn ich nun beginnen würde, mich gegen sie mit Macht oder Gewalt zu widersetzen. „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ (Galater3:28) Dieses Christuswort kann buchstäblich in karmischem Sinn verstanden werden.

Das Durchgehende in uns in allen Kulturen und Völker, in denen wir in unseren vergangenen Leben gelebt haben, entspricht der kulturelle, soziale und politische Impuls, den Christus in die Menschheit brachte, nämlich durch freundschaftlichen Dialog und gewaltfreie Kommunikation zu einer vielkulturellen Gesellschaft in gegenseitigem Respekt, in Frieden und Harmonie zu gestalten, wo keine Kultur auf Kosten der anderen zu leiden hat. Kultur ist kein statisches Phänomen, sondern ein veränderliches, ja, auf lange Sicht eine fast ephemere Struktur oder eine soziale Einrichtung, in welche wir leben und wirken und beeindruckt sein dürfen in wenig Zeit, während wir unsere wunderbare, schöne und einzigartige Erde besuchen im Rahmen eines kurzen Lebens. Norwegen ist nicht mehr das Land, wo ich aufgewachsen bin, etwas, was ich wohl trauere, wenn ich auf den überwachsenen Pfaden des Mutterlandes wandle, aber es nutzt nichts: die Entwicklung geht weiter und ich bin dafür sehr glücklich. Neue Wege mit Markierungen der Ortskenner und mit kosmopolitischen Zeichen sind entstanden, während ich in freiwilligem Exil unterwegs war.■


In meiner karmischen Autobiografie habe ich ausführlich erzählt, wie ich zu Erkenntnissen über frühere Leben gekommen bin.

Die deutsche Originalausgabe „Wandeln unsichtbaren Unter Menschen“ wurde vom Verlag eingestellt, kann aber immer noch direkt bei mir bestellt werden: info@gamamila.de

Die englische Version „Living with invisible people” kann bestellt werden durch clairviewbooks.com

Abbildung: Wassily Kandinsky, Improvisation 6 (Afrikanisches), 1909, Öl auf Leinwand,. 107 x 99.5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München. Quelle: isar-arabesken.de

24
Jun
2011

Im Sinne eines freundschaftlich-fruchtbaren Zusammenwirkens wahrer westlicher und mitteleuropäischer Geistigkeit

Goethes-Gartenhaus

Weimars spiritueller Ich-Auftrag als sozialer Herausforderung für die Anthroposophische Gesellschaft – Kommentare im Hinblick auf drei Kongresse 1983 – 1997 – 2011

Weimar war gerade nur dadurch interessant, dass nirgends ein Zentrum war. Es lebten bedeutende Menschen hier, die sich nicht miteinander vertrugen, das war das Belebendste aller Verhältnisse, regte an und erhielt jedem seine Freiheit.

Johann Wolfgang von Goethe



Nach Weimar kam ich zum ersten Mal vor 28 Jahren. Über die berühmte Stadt lag ein kompakter, unangenehm riechender Dunst, die von der zu jener Zeit gebräuchlichen Heizung mit Braunkohle verursacht war. Nichtdestotrotz und von der DDR-Diktatur unberührt und etliche Jahre vor der sogenannten Wende, konnte ich in dieser für den Westen damals fast vergessenen Idylle im grünen Herz der deutschen Landschaften den klassischen Geist der Goethe- und Schiller-Zeit nachempfinden. In Goethes Gartenhaus und in den zu Museen umgestalteten Wohnhäusern der beiden Wahlverwandten durfte ich fast alleine und ganz frei herumspazieren und ihren persönlichen Utensilien und Artefakten auf den Tischen und in den Regalen buchstäblich mit meinen Fingern befühlen. An Rudolf Steiners nicht zu verleugnendem Wirken in Weimar wurde ich erinnert, als ich in einer kleinen Buchhandlung inmitten der mit kommunistischen Büchern vollen Regale ein Buch fand und nachfolgend kaufte, das geschichtliche Aspekte des Goethe-Schiller-Archivs darstellte. In einem Aufsatz einer Wissenschaftlerin, deren Name ich nicht mehr präsent habe, wurde Steiners Tätigkeit als Goethe-Forscher sachlich beschrieben.

Mein damaliger Besuch anfangs November 1983 in der Mahn- und Gedenkstätte KZ Buchenwald , die sich auf dem Ettersberg nördlich von Weimar befindet, schaffte einen erschütternden Kontrast zu der hoffnungsvollen Stimmung, die ich in Witten, Westdeutschland, bei einer anthroposophischen Friedenskongress unter dem Motto „Europa und sein Genius“ einige Tage zuvor bekommen hatte. „Der Kongress fand statt, während die Frage der Zukunft Europas als eine brennende Kerze im anwachsenden Sturm zwischen der UdSSR und den USA stand.“ Nach dem Plan hätte mein Lehrerfreund und Kollege am Rudolf Steiner-Seminar in Järna (SE), Arne Klingborg (1915-2005), im Kongress mitwirken sollen mit zwei seminaristischen Beiträgen mit dem Titel: Die Kunst als friedensstiftende Kraft – eine mitteleuropäische Aufgabe. Ich hatte bemerkt, dass viele gerade wegen dieses Themas nach Witten angereist waren. Klingborg konnte aber nicht anwesend sein, da er wegen Überforderung einer Gürtelrose (Herpes Zoster) erlitt nach der Öffnung der Stockholmer Ausstellung über Gartenbau-Kunst, die in diesem Jahr stattfand. Der Violinist und IDRIART-Begründer Miha Pogačnik übernahm seinen Kurs und sprach aus seinen Erfahrungen zum gleichen Thema. [weiter]

Abgelegt in gamamila.de

18
Mai
2011

Stilgefühl oder Geschmacklosigkeit?

Zum neuen Layout von der Wochenschrift „Das Goetheanum“

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Neben mir liegen die zwei letzten Nummern vom „Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie“, die von Rudolf Steiner mit Albert Steffen 1921 begründet wurde. Herausgeber ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG), seit kürzestem durch Bodo von Plato vertreten und mit dem Öffentlichkeitssprecher des Goetheanums oben am Hügel, Wolfgang Held, als neuer dazu getretener Redakteur. Nun ist ebenfalls das Layout der Zeitschrift total anderes als früher geworden. Über diese Wendung möchte ich Kritik mitteilen und zugleich einige wesentliche Fragen stellen.

Sowohl im Internet als auch in den letzten Nummern vor dem neuen Design wurde die neue Richtung in der Redaktion mit einer näheren Zusammenarbeit zwischen der Redaktion und den Goetheanumvertretern eingehend geschildert. Ist dieser „Schachzug“, der scheinbar durch den allgemeinen Abbau am Goetheanum wegen finanzieller Krise quasi forciert worden ist, wirklich motiviert? Schon am 19. Januar 2011 kündete Bodo von Plato an, dass die Form des „Goetheanums“ sich ändern würde, den Verhältnissen, Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechend: „Im Laufe dieses Jahres werden sich Schritt für Schritt Konzept und Aussehen des ‚Goetheanums‘ verändern. Publikationen, die bisher in gesonderter Form erschienen, sollen im ‚Goetheanum‘ ihren gemeinsamen Erscheinungsort finden, damit eine umfassende Anregung und Information, ein Austausch über Grenzen hinweg in gebündelter Form stattfinden kann – mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften.“

„Es ist sehr ermüdend, die Texte so zu lesen“
Wenn früher „Das Goetheanum“ durch alle Jahrzehnte hindurch als eine unabhängige und eigenständige Kulturpublikation von vielen erlebt und geschätzt wurde, frage ich mich jedoch, ob die Unabhängigkeit gegenüber dem Herausgeber jetzt wirklich genügend gewährleistet sein wird und in der Zukunft garantiert werden kann. Das Goetheanum-Redaktionsmitglied Sebastian Jüngel meinte in einem Diskussion mit Ramon Brüll von der Zeitschrift Info3 im Jahr 2008 (infoseiten anthroposophie, Herbst 2008), dass die AAG nicht als eine Kontrollfaktor betrachtet werden könne, sondern als eine freie Initiative, deren Vertreter sich verpflichtet haben, die Anthroposophie zu repräsentieren und das Erbe Steiners als öffentliche Kulturfaktor zu verwalten, damit Menschen angeregt, ermutigt, inspiriert werden, Aufgaben der Zeit anzugehen. Brüll behauptete damals, dass es eine Tatsache jedoch sei, dass große Teile ausgerechnet der anthroposophischen Bewegung mit „Initiativverhinderungsstrukturen“ (Brülls Begriff) zu kämpfen haben. Bestätigen die letzten Verschärfungen in der Wochenschrift womöglich, dass Brüll in seiner damaligen Beurteilung letztendlich recht bekommen hat? Wie fühlt sich nun Jüngel heute, der über zehn Jahre lang sich gar nicht angemaßt hat, dem Posten eines Chefredakteurs zu beziehen, den Pressesprecher des Goetheanums vor die Nase gesetzt zu bekommen?

In der letzten Nummer (Ausgabe Nr. 19) wird in ein paar Leserbriefen das neue Layout kommentiert und durchgehend gepriesen für seine „frische“. Die farbigen Fotos in der Doppelnummer 17/18 werden als „gut“ befunden, und, dass sie die Atmosphäre des Inhalts „übersetzen“. Jedoch wird von einigen Lesern der neue Schriftschnitt als schwer lesbar gefunden. Maja Brunold kommentiert noch, dass die etwa graue Druckschrift für ältere Menschen „ein Problem“ sei: „Es ist sehr ermüdend, die Texte so zu lesen. Ich weiß, dass die Grafiker heute gerne wenig kontrastreiche Gestaltungen wählen.“ Sie versteht nicht, warum die so entstandene schwierigere Lesbarkeit offenbar in Kauf genommen wird.

Die ehemalige graphische Neugestaltung von Karl Lierl
Schon vor zwei Wochen beim Auspacken und beim Blättern – in der mit Grau gefärbten neuen Wochenschrift, das noch dickere Papier ähnlich wie Monatsmagazine erhalten hat – fiel es mir sofort auf, dass ich meine Gesichtspunkte und meine Kritik ausarbeiten möchte, aber ich entschied mich auf die nächste Nummer zu warten, damit ich mindestens zwei verschiedene Hefte zum Vergleich hatte. Somit habe ich jetzt etwas Zeit gehabt, um diese Neugestaltung zu testen und zu verarbeiten. Schon vor Jahren entstand in meiner Familie ein humoristischer Spitzname für „Das Goetheanum“, das ich meistens samstags bekomme. Meine Frau taufte es „mein Schnuller“, weil ich sehr gern mich damit an den Wochenenden entspanne. Jetzt muss ein neuer Scherzname gefunden werden. „Kaugummi“ wird vorgeschlagen. „Ja“, sage ich, „das ginge, falls ich es sofort ausspucken darf.“ Dieweil es nicht mehr einen mir passenden Geschmack hat. Der Anis ist hin, die Pfefferminze auch!

Treue Leser und Feinschmecker des „Goetheanums“ kennen die streng überlegten und vorsichtig durchgeführten Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten mit dem Layout gemacht wurden. Die damals um 2005 bisher am weitläufigsten durchgreifende – und wie Wolfgang Held in einem Editorial einräumt „intelligente“ – graphische Neugestaltung von Karl Lierl ist nun plötzlich und überraschend „ins Grab“ gelegt worden. Ich kann mich freilich nicht erinnern, dass ich als Abonnent zu einer Beerdigung eingeladen wurde! Dessen ungeachtet wird heute nicht mehr darauf hingewiesen, dass Lierls genialer Griff mit dem alten Logo von Rudolf Steiner in einer Metamorphosenreihe damals nicht aufgegriffen wurde. Somit klingen in meinen Ohren Helds Kritik gegenüber Liers Verwendung des Zeichens zwischen „Das“ und „Goetheanum“ als ganz aus der leeren Luft gegriffen, als müsste er rechtfertigen, dass man jetzt die ursprünglich gezeichnete Skizze von Steiner aufgreifen möchte, die, wie es gesagt wird, auf ein „leinenartiges Papier“ leicht hingezeichnet sei.

Rudolf Steiners ursprünglich gezeichnete Vignette
Ich vermute, dass Steiners Skizze dabei als dunkel gegen hellerem Hintergrund geschaffen worden sei! Jetzt wird das alte Zeichen in weißer Farbe gegen einem grauen Hintergrund verwendet. Dadurch tritt bei längerer Betrachtung ein noch dunklerer Grau dem Auge entgegen aus den Zwischenräumen der Zeichenlinien, weil das Sehorgan immer Komplementarität schafft. War das geradeso von Steiner gedacht? Ich glaube, dass das Umgekehrte von ihm angestrebt wurde, dass nämlich durch die dunklen Linien – jetzt abgesehen davon, dass sie nicht scharf geschnitten werden sollten – ein hellerer Lichtschein im „Zeichengesicht“ aufleuchten sollte, als würde die Vignette von innen selbst leuchten!

Ich schaue mir ein Goetheanum-Exemplar aus dem Jahr 1998 an und werde von dieser Ansicht augenfällig bestätigt. Jetzt mutet mir durch die neue, einsame und weiße Figur der Doppelgänger des Goetheanums mich an anzuglotzen – besonders gilt dies auf der Nummer 19, die kein farbiges Foto wie bei der vorletzten Nummer hat. Nur das lapidare Wort „Wandel“ ist hier mitten auf dem Titelblatt gedruckt und dazu noch amateurhaft wie mit einem Filzstift hingeschrieben. Anscheinend finden die Herausgeber, die mit der Rochade (Doppelzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden) belegten Redaktion und einige Leser es gut so; möglicherweise ist es so beabsichtigt!

Wenn man jetzt Steiners Ursprungskonzept unbedingt benutzen will, warum wird es nicht als Faksimile wiedergegeben? Im Übrigen ist es leicht nachzuweisen, dass Steiner immerzu mit Texten und graphischen Zeichen in direktem Zusammenspiel miteinander arbeitete. Im Design von 1998 ist das noch erhalten. Der jetzige Herausgeber tut das gar nicht. Nur das Wort Dreigliederung, das Steiner am Anfang benutzt hatte, war ebenfalls 1998 längstens verschwunden. Die Zweigliederung des Designs lebte also sehr lange; heute ist nur noch eine spiegelbildliche Eingliederung übrig geblieben. Warum möchte man dann Steiners Zeichen noch überhaupt verwenden? Ich finde wie es jetzt damit gearbeitet wird als eine kunstlose Nostalgie, die am Goetheanum an falschem Ort ist.

Ich kann verstehen, dass man einen kostenaufwendigen Designer oder Grafiker sich jetzt nicht leisten kann, aber ich glaube, dass es in der globalen anthroposophischen Künstlerbewegung viele Helfer gäbe, die bereit wären, ohne Honorar beizutragen zu einer Neugestaltung, die dem heutigen Stilsinn der Anthroposophie Verbundenen anfangs des zweiten Jahrzehnts des neuen Millenniums gerecht werden könnten. Übrigens glaube ich nicht, dass diese Designschritt aus kostensparenden Gründen gemacht worden ist, zumal für die Nummer, in denen von Veranstaltungen am Goetheanum berichtet werden soll, wohl mit Farbdruck gearbeitet wurde, was sich so für die Zukunft auch vermuten lässt. Die Vielfalt der aufwendigen und teuren Websites, die für die in den vielen Ländern bestehenden Anthroposophischen Gesellschaften Kunde tun, bezeugen jedoch, dass es genug Geld gebe, um die sogenannte Öffentlichkeitsarbeit zeitgemäß zu finanzieren.

Das schwarze Quadrat als „Schlussstein“
Die alten Hefte der Wochenschrift hatten seit 90 Jahren bis jetzt den Charakter einer klassischen Wochenzeitung, indem auf der Titelseite schon mit dem Lesen eines Textes angefangen werden konnte. Dieses Konzept hätte weitere 90 Jahre weiterbestehen können! Jetzt ist das anders geworden. Die Titelseite ist fast leer, und die Inhaltsübersicht und irgendein Text oder ein Gedicht sind auf der Rückseite zu finden. Vor Kurzem wurde die klassische Hinterseite mit den Kurznotizen ins Blatt verschoben, damit farbige, einkommensgebende Reklame da hinten sein konnte. Jetzt ist das auch nicht mehr so, sondern die Reklameseiten beziehen in der letzten Nummer sogar fast 1/3 des ganzen Hefts mit 7 von 24 Seiten.

Die ehemalige Textgliederung der unterschiedlichen Arten von Aufsätzen und mit grauem Untergrund für die biographischen und inhaltlichen Hinweise, die auf den Entwurf von Karl Lierl zurückging, habe ich optimal gefunden. Der Wechsel zwischen zwei, drei und vier Spalten gab für mich außerdem eine bestmögliche Gliederung und Lesbarkeit. Die Aufteilung eines langen Textes mit kurzen, fündigen Zitaten und das kleine, schwarze Quadrat als „Schlussstein“ erlebte ich ansonsten sehr angenehm. Jetzt ist das alles verschwunden – inklusive Zwischenrubriken im Text und die vertikalen Titel, die zum Aufhorchen begeisterten – und die Autorenhinweise in den neuen Nummern am Ende eines Textes lassen sich kaum im Lesefluss entdecken, da sie überhaupt nicht anders akzentuiert sind. Somit „stolpere“ ich am Schluss eines Aufsatzes und muss nochmal zurücklesen, um zu wissen, dass er gerade abgeschlossen wurde. Jetzt wird nur mit zwei und drei Spalten gearbeitet und bei den Zweispaltigen Texten kann ich nicht eine Gliederung des Inhalts mithilfe des Layouts interpretieren. Nur die „Hierarchie“ von Vorn nach Hinten lässt die unterschiedliche Wichtigkeit der Botschaften bekannt werden.

Früher gab es Essays der Vertiefung
Der Ausfall von Zwischenrubriken ist unter diesen Veränderungen vielleicht die unangenehmste, da nicht mehr ein bewusstes Pausieren beim Lesen unterstützt ist. Früher konnte ich hin zu einer solchen Rubrik mitten im Text lesen, eine Pause fürs Nachdenken machen und dann fortsetzen – oder ich konnte den letzten Abschnitt nochmal lesen oder mich leicht im Text voraus orientieren. Zwischentexte sind Gefühlssprechpartner wie Blumen auf der Wiese! Jetzt ermüde ich beim Lesen – wie Frau Brunold – und fühle mich gezwungen, einen ganzen Text in einem Schwung hindurch zu joggen. Eine leichte Unterdrückung meiner Freiheit als Leser ist damit freiem Lauf gegeben.

Ich beobachte bei der Spurensuche des Wandels, dass jetzt ebenfalls kein Text länger als zwei Seiten ist! Früher gab es Essays der Vertiefung, die über drei Seiten sich beschaulich ausbreiteten. Möchte die neue durch Wolfgang Held gelenkte Redaktion eine derartige vertiefende Auseinandersetzung mit einem zentralen anthroposophischen Thema nicht mehr? Wenn ja, dann müsste man auch den Zusatz „für Anthroposophie“ streichen! Auf weitere Anmerkungen zu dieser plakativen Veränderung der Wochenschrift verzichte ich. Vom äußeren Stil der konservativen, aber kultivierten Tradition des „Goetheanums“ ist insofern wenig – wenn überhaupt etwas – übrig geblieben.

Könnte es sein, dass „Das Goethenaum“, das Rudolf Steiner gründete, nach gut 90 Jahren und 150 Jahren nach seiner Geburt durch ein verstecktes Verschwinden aufgehört hat, zu existieren, und dass man aus welchem Grund auch immer vergessen hat, der nagelneuen Zeitschrift, die jetzt am Goetheanum erschienen ist, mit einem neuen Namen zu versehen? Liegt hier eine Verwechselung vor, etwa vergleichbar mit früheren unbewusst gemachten Vertuschungen – ich denke z.B. an die sogenannte Urnengeschichte –, die wir aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung schon kennen? Falls das so ist, bin ich bereit, mitzuarbeiten, dass die neue Zeitschrift einen passenden neuen Namen bekommt. Wie wäre es – um nur einen positiven Vorschlag zu nennen – mit: Der Wandel – Wochenschrift am Goetheanum? Und zu guter Letzt möchte ich die Redaktion bitten, dass sie mir ein Angebot zum Signieren eines neuen Abonnements schicken. Ob ich indes ein Dauerabnehmer der neuen Wochenschrift werden möchte, bleibt eine offene Frage. ■

Bild: ‹Goetheanum› Nr. 20/2011, das diese Woche erscheint.

5
Mai
2011

Ich und die Welt

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Denkübungen zum Ich-Sinn beim Lesen ein paar Vorträge Rudolf Steiners und eines Aufsatzes von Martin Errenst

Jeder von uns hat die allgemein akzeptierten fünf Sinne und laut der Anthroposophie von Rudolf Steiner noch sieben weitere Sinne dazu. Einen von diesen 12 Sinnen nennt er den Ich-Sinn, der aber nicht geeignet ist, um das eigene Ich sondern das Ich eines anderen Menschen zu sinnen oder wahrzunehmen. Steiner formulierte einmal, dass wir lernen sollten, zwischen dem Ich-Sinn, durch welchen also das Ich des anderen wahrgenommen wird, und dem Wahrnehmen des eigenen Ich zu unterscheiden. (1) Was ich durch meinen Ich-Sinn vom Ich der anderen entdecken kann, gehörte laut Steiner als Keimanlage zum 12-Klang der gesamten Sinnesanlagen, die während des sogenannten alten Saturn-Zustands der geistig-kosmischen Erdenentwicklung von höheren Hierarchien in die geistige Vorform des physischen Leibes eingepflanzt wurden.

In Bezug auf unser eigenes Wesen sind wir mit unserem Ich in Verhältnis zur ganzen kosmischen Entwicklung jedoch relativ jung, da das individuelle Ich überhaupt erst während der physischen Erdentwickelung und zwar in der Zeit des Atlantis uns übergegeben wurde. Dieses mich selbst innerlich beseelendes Ich ist also nicht das gleiche wie der Ich-Sinn, mit dem ich auf die Welt der anderen menschlichen Ich-Wesen hinschaue, um Eindrücke von ihren Innenwelten zu bekommen. Steiner erklärt, dass das Wahrnehmen des Ich eines anderen einem Erkenntnisvorgang entspreche, einem Geschehen, der ähnlich der Erkenntnis sei. Das sich Hineinleben in der eigenen Seele, das Erleben des eigenen Ich sei dagegen ein Willensvorgang. (2)

Um das eigene Gefühlsleben zu untersuchen, wenn ich z. B. durch die sogenannten anthroposophischen Nebenübungen meine Gefühle läutern möchte, kann ich sie nur durch eine starke Willenstätigkeit angehen. Der willentliche Ausdauer ist ebenfalls nötig, um über das Denken zu denken, weil das Denken dann als Willenstätigkeit entdeckt werden kann und nicht nur wie vom selbst als ein Fließband für Gedankeninnhalte tagträumend läuft. Die vollständige wahrnehmende Zuwendung zum anderen Menschen kann zur Berücksichtigung des anderen Ich durch das lebendige Denken führen. Steiner führte diesen Gedanken in seiner Vortragsreihe Das Rätsel des Menschen (1916) näher aus:

„Und ein noch intimeres Verhältnis zur Außenwelt als der Denksinn gibt uns derjenige Sinn, der es uns möglich macht, mit einem anderen Wesen so zu fühlen, sich eins zu wissen, dass man es wie sich selbst empfindet. Das ist, wenn man durch das Denken, durch das lebendige Denken, das einem das Wesen zuwendet, das Ich dieses Wesens wahrnimmt - der Ichsinn.“ (3)

Einem anderen Menschen zu begegnen ist selbstverständlich eine alltägliche, aber nichtsdestotrotz einzigartige Erfahrung. Wir begegnen einem menschlichen Wesen, einem anderen Ich, das uns gleichartig ist. Obwohl solche alltäglichen Begegnungen im sozialen Leben grundlegend sind, ist wenig darüber in der akademischen Wissenschaft erforscht. Der Chemiker, Waldorflehrer und Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Kreis Heinsberg, Martin Errenst, schrieb 2005 einen informativen Aufsatz in der Zeitschrift Die Drei über den Gedankensinn und den Ich-Sinn, wo er ein Thema dieses kleinen Wissenschaftszweigs untersucht. Errenst nimmt Bezug auf die Forschungen von Robert Peter Hobson. (4) Hobson ist Psychoanalytiker und Professor für Psychopathologie am University College London. Er ist bekannt für seine Arbeiten über Autismus und Entwicklungspsychologie. In seine Forschungen brachte er neue Fazits bezüglich des Ursprungs des menschlichen Bewusstseins. [weiter]

Abgelegt in gamamila.de

1. Vgl. Rudolf Steiner, Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170, Dornach 1964, Seite 110f.
Internetlink: fvn-rs.net
2. Vgl. Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, Dornach 1980, Seite 124ff.

3. Rudolf Steiner in: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, Dornach 1980, Seite 124ff .

4. Martin Errenst, Gedankensinn und Ich-Sinn. Eine indirekte Beschreibung dieser Sinne in den Ausführungen eines Entwicklungspsychologen. Die Drei, 8/9 2005, S.135.
Internetlink: errenst.eu

25
Feb
2011

Rudolf Steiner 150 Jahre und die Zukunft der Anthroposophie

19865

„Anthroposophie“ heißt das, was Rudolf Steiner in seinem umfassenden und anscheinend epochalen Werk weitergegeben hat. Wenn ich diesen Begriff verwende, denke ich immer, dass es dieser österreichische Steiner war, der seine Aspekte entwickelte zu Fragen der Lebensqualität und Kunst und sowohl traditionelle als auch transzendentale Forschung, die eine soziale und praktische Bedeutung bekam für eine Reihe von Bereichen des Lebens wie Bildung, Landwirtschaft, Medizin und Architektur. Seit seinem Tod vor knapp 86 Jahren, wird aber das Wort Anthroposophie in der Öffentlichkeit nicht nur für die Arbeit Steiners benutzt, sondern auch für alles, was im Zusammenhang steht mit der sogenannten anthroposophischen Bewegung, die um seine Person und Aktivitäten entstand. Alles von späterem Datum, was dem so oder so entspricht und was die späteren sogenannten Anthroposophen geleistet haben, wird auch als Anthroposophie genannt. Steiner selbst hat einmal gesagt, es wäre am besten, für jede Woche einen neuen Namen für die Anthroposophie zu erfinden. Vielleicht hat er gemeint, dass man einen beliebigen Namen, der schließlich nach und nach erscheinen könnte, dazu verwendet werden sollte, um genau zwischen den verschiedenen Qualitäten zu unterscheiden, die die verschiedenen Menschen als ihr individuelles Verhältnis zur „Anthroposophie“ entwickeln würden.

Die Frage ist also, sollten ich auch weiterhin so denken und allerlei Anthroposophie als „die Anthroposophie“ lassen oder sollte ich Steiners Rat aufgreifen und dasjenige, was von den Anthroposophen weiterlebte und entsteht, mit mehreren neuen Begriffen nennen? Die folgenden Begriffe könnten eventuell relevant sein, wenn ich sie mit seinem Namen, dem einen Ort, Dornach, wo er in der Schweiz arbeitete oder den zentralen Motiven in seinen Werken verlinken: Steinersophie, Steinerianismus, Steinerik, Steinertum, Rudolfianismus, Rudolfethik, Dornacherei, Goetheanumsophie, Goetheanumlogik, Karmasophie, Karmaismus, Ichsophie, Christussophie, Christianismus, Dynamismus und Dynamosophie. Nur wenn jemand kommt und erklärt, dass er Steiners Aussagen und Ergebnisse bestätigen können, könnten wir wirklich über Anthroposophie reden im ursprünglichen Sinne des Wortes, obwohl dies auch gar nicht leicht zu beweisen sei, würde es dann nicht durch die Tatsache geschehen, dass mehr und mehr Menschen das gleiche Problem bestätigen. Alles andere sollte berücksichtigt werden als Einzelbeträge oder als durch Gruppen entstandene Interpretationen im Zusammenhang mit ihren Lebensphilosophien im Stil von den vorgeschlagenen Bezeichnungen, die jedoch total untauglich sind.

Ich habe eingangs das ursprüngliche Konzept der Anthroposophie in Anführungszeichen gesetzt, weil es kaum möglich ist, die Anthroposophie zu diskutieren, ohne in Differenzen miteinander zu kommen, da jeder eine andere Meinung darüber hat, je nachdem was man studiert oder welche Erfahrungen man in Bezug auf die Realisierung der Anthroposophie angepackt hat. Und wenn wir in einem Gespräch sind, ohne vorher genau das Verständnis dafür zu definieren und eingrenzen, wie wir zu den Inhalt stehen von allem, was Steiner präsentiert hat, wird es schwierig, die Einzelheiten zu besprechen. Also lasst mich deshalb zwei Dinge erwähnen, die für mich den Kern der Anthroposophie Rudolf Steiners kennzeichnet, wie ich sie wahrnehme und was für mich entscheidend war in Bezug auf die Individualisierung und die praktische Umsetzung von Steiners Ratschlägen und Anweisungen.

Steiners Projekt handelte von zwei Dingen, die miteinander verwandt waren – wie „Hand in Handschuh“, wie Synthese und Antithese oder Yin und Yang: Erstens wollte er an eine in Europa ansässige Philosophie von Reinkarnation und Karma anknüpfen und sie weiterführen. Zweitens galt es diese zu assoziieren mit dem esoterischen Kern des Christentums oder umgekehrt es zu öffnen oder den Zugang zur Ursprung des Christentums zu finden, um es in Gleichwertigkeit mit der Reinkarnationsidee zu bringen. Alles andere, was Steiner schrieb, sagte oder tat, steht in Zusammenhang mit diesen beiden Aufgabenbereichen. Steiner selbst charakterisierte folglich mit dem Definition Anthroposoph genau jemand, der ein echter, ehrlicher und praktischer und auch meditativer Bezug zu diesen Aufgaben üben will oder entwickelt hat.

Schauen wir auf den Beginn seiner Tätigkeit in der Theosophischen Gesellschaft im Jahre 1902: Sofortig kündigte er an, dass er Wert legte auf „praktische Karmaübungen“, die er vermitteln konnte! Schauen wir auf seine grundlegende Bücher und Vortragsreihen bis zum Ersten Weltkrieg: Sie stellen Christologie, Reinkarnation und Karma dar! Schauen wir auf die Mysteriendramen: Die Gegenwart im Vergleich zu früheren Leben wird auf die Bühne gestellt und das Kommen des ätherischen Christus, des Herren des Karmas, wird angekündigt! Schauen wir auf das erste Goetheanum-Bau und die Vorträge während des Ersten Weltkriegs: Fast alles handelt von vergangenen Kulturen, spirituellen und karmischen Strömungen als Hintergründe zu den aktuellen Krisen! Blicken wir auf seine esoterische Lehrtätigkeit für die Mitglieder der Anthroposophische Gesellschaft, für Hochschulmitglieder (darunter die ehemalige ES) und auf seiner Methodik und die Didaktik für Berufsleute in den Tochterbewegungen: Vieles ist von Selbsterkenntnis, Schulung in Bezug auf Schicksalsfragen, den karmischen Gesetzen, die der Pädagogik, der Medizin etc. betreffen. Selbst die Beschreibungen, wo es darum geht, eine Beziehung mit der Naturwesen in der Landwirtschaft zu erwerben, zeigt hin auf den eigenen karmischen Standort – und er erzählte der jungen Generation, die nach Koberwitz angereist waren, dass es sich darum handelt, einen Blick mindestens auf sieben frühere Leben zu bekommen.

Warum hat er so viel Zeit und Energie auf diesem Anliegen niedergelegt, das Christentum mit der Reinkarnationsidee und umgekehrt zu verbinden? Höchstwahrscheinlich wollte er nicht den Egoismus der Leser und der Zuhörer ernähren, sondern die Perspektive auf die individuelle Sicht lenken in Bezug auf diejenigen, mit denen man in einem bestimmten Projekt zusammenarbeiten wollte. Steiners Sicht basierte in der Tat auf persönliche Erfahrungen und deswegen war er davon überzeugt, dass der Einzelne durch das Karmaerkennen den Zugang finden kann zu seinen latenten Ressourcen und Fähigkeiten und anfangen kann, die karmische Beziehung zu seinen Mitmenschen zu sortieren – und dies am besten, wenn dieser Kurs in offenen und ehrlichen Zusammenarbeit im esoterischen Bereich geleistet wird. Deshalb gründete er die vielen Übungskreise, Gruppen und Gremien und schließlich eine Alternative zum sozialen Modell und eine neue geistige Grundlage für berufsbezogene Ausbildungen auf Hochschulebene.

War das alles nur Ideale und Rezepte? Ja, Ideale und Rezepte für eine Lebenskunst, aber wer sich hinsetzt und zum Beispiel einige seiner Meditationen oder Karmaübungen konkret ausprobiert, wird bald feststellen, dass die geistige Welt reagiert. So gesehen ist und bleibt Steiner und alle seine Werke eine „Chips“ (SIM-Karte), um Kontakt mit den Verstorbenen, den Engeln und mit Christus zu lenken. Das weiß ich aus eigenen erhabenen, schmerzhaften und glücklichen Erfahrungen. Dementsprechend und nur so kann Steiners Anthroposophie unabhängige und umfassende Umsetzungen heute und morgen finden. Menschen, die behaupten, dass sie spirituelle Motive oder karmische Dinge authentisch erkannt haben, wird jedoch bald vor einem Problem stehen: Wie übersetzen sie ihre inneren Erfahrungen, die möglicherweise in einen meditativen Zustand gemacht worden sind, um sie in eine günstige Sprache zu kommunizieren? Wie und an wen kann man reden und seine Erfahrungen und Erkenntnisse kommunizieren? Wo sind die Foren, die ausreichend hoch zur Decke haben für meinen ethischen Individualismus?

Ich selbst habe gekämpft, gearbeitet, gelitten und mich gefreut während 14 Jahren mit dieser Übersetzung und Kommunikationsprojekt und interessanterweise nur sehr geringes Gehör unter den sogenannten tonangebenden Anthroposophen gefunden. Ebenso hat es für Dutzende und Hunderte von Freunden und Kollegen zu mir in mehreren europäischen Ländern, die glauben, dass sie in Bezug auf eine Fortsetzung der Anthroposophie viel beizutragen haben. Ja, interessanterweise ist es nun tatsächlich möglich, nicht nur Steiner in vielen Bereichen seiner übersinnlichen Forschung zu bestätigen, sondern auch seine Ansichten zu erweitern, ja sogar, ihn auf einigen wichtigen Punkten zu korrigieren, weil die Erde, die Menschheit und die geistige Welt bis zur heutigen Situation sich weiterentwickelt hat, und teilweise anders geworden sind, als sie vor der Nationalsozialismus waren.

Wenn es z. B. um einige von Steiners Aussagen gehen über die prähistorische Zivilisation Atlantis, habe ich in Büchern und anderen Publikationen etwas davon bestätigt. Wer ist daran interessiert? Wer ist überhaupt daran interessiert, dass Inhalt, Aspekte und Ergebnisse im Werk Rudolf Steiners bestätigt werden können? Wer will seine Anthroposophie gerade jetzt und in der nächsten Zeitraum nach 2012 als eine mögliche Quelle der echten Einblick in geistigen Realitäten wird, die eine Menge von einzelnen Anthroposophien zur Welt bringen können? Wer wird seine Unterstützung solcher Menschen und Forscher sowohl moralisch als auch gegebenenfalls (angenommen sie dies benötigen) finanziell geben, die offenbar geschafft haben, einige von Steiners Rezepte zu realisieren – die anders sind als das „anthroposophische Abbrühen“, die der Erzengel Michael wahrscheinlich nur anschaut als eine schwedische Art des Eintopfs – „pytt i panna“?

Die Feier des Rudolf Steiners 150. Geburtstags bedeutet für mich weder Steiner nochmals zu überprüfen oder zu den Orten, an denen er gelebt und gewirkt hat, zu reisen, noch seinen Nachlass zu öffentlichem Spektakel abermals zu stellen. Solche wurden genug getan und mehr als genug seit seinem Tod. Ich denke nur an die unglaublich ästhetisch schönen und berühmten Wanderausstellungen, die mein Lehrer und Kollege Arne Klingborg initiierte und durchführte in mehreren Ländern rund um die Themen Rudolf Steiner, Anthroposophie, Architektur und Landschaftskunst ab 1961 und weiter bis zur Mitte der 80er Jahre. Was die Individualität hinter dem Namen Rudolf Steiner heute sicherlich lieber sich wünscht – während er in seiner vermutlich bestehenden Inkarnation wohl „auf dem Zaun sitzt“ und den fieberhaften Ichbezogenheit und das schlechte Gewissen der Anthroposophen beobachtet, der sie „in seinem Auftrag“ bedecken versuchen, indem sie sich in seinem ehemaligen Werk ausstaffieren – dass sie sich selbst für sich, sich gegenseitig zeigen und sich der Außenwelt stellen, indem sie vorweisen, wie sie leben und arbeiten mit der Aufgabe, Christentum mit Karmaverständnis zu verbinden – ein spirituelles „Mikael-Mandat“, das er einfach als ethische Individualismus nannte. Rudolf Steiner ging meilenweit voraus; wer möchte sich im Nachvollzug seiner Fußspuren erfrischen, ohne von ihm in Abhängigkeit zu verfallen?

Bild: Ausschnitt aus einem Porträt von Rudolf Steiner (Weimar 1892); von Otto Fröhlich gemalt.

4
Feb
2011

War Luzifer inkarniert als Mann oder Frau?

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In drei Vortragsreihen kurz nach dem Ersten Weltkrieg sprach Rudolf Steiner in Dornach, Schweiz, für die damaligen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft über das Thema der Inkarnation von Luzifer im Hinblick auf die Menschwerdung Christi und die kommende Inkarnation der anderen geistigen Widersachermacht Ahriman. (1) Ich will den Inhalt einer dieser Aussagen von Steiner referieren, ohne ihn direkt zu zitieren. Steiner weist darauf hin, dass ähnlich wie es eine Inkarnation des Christus im Menschen Jesus von Nazareth gegeben haben soll, gäbe es auch eine echte Inkarnation von Luzifer im dritten Jahrtausend v.Chr. in Asien. Und ein Großteil der vorchristlichen Kultur wäre ganz inspiriert von der Seite, die nur als eine irdische Inkarnation von Luzifer in einem Menschen aus Fleisch und Blut verstanden werden kann.

Ich finde es bemerkenswert, dass Steiner in all seinen Hinweisen zu einer solchen menschlichen Inkarnation von Luzifer keineswegs ein einziges Mal erwähnt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Entweder wusste er nicht, welche spezifischen Gender Luzifer erlebt hatte, oder er wollte diese Frage nicht zu nahe treten. Falls er geschaut hatte, dass Luzifer in einer Frau verkörpert war, kann ich gut verstehen, dass er wegen der damaligen bürgerlichen Kultur wählte, über diese Wirklichkeit zu schweigen. Rudolf Steiner betonte auch, dass der Anfang des Christentums, das er oft als das Golgatha-Mysterium gekennzeichnete, zuerst von den Menschen so verstanden wurde, wie sie nur verstehen konnten, was sie war durch dasjenige, was sie durch die alte luciferiske Weisheit aufgenommen hatten. Die Gnosis, die sonst sehr tief in vielen spirituellen Fragen eintauchte, hatte – gemäß Steiner – eine gewisse Einseitigkeit, die sich aus der Tatsache entstand, dass die Inkarnation von Luzifer mit seinen vielen weitreichenden Konsequenzen in der gesamten orientalischen Welt sich ausgebreitet hatte. (2)

Der folgende markante Hinweis von Rudolf Steiner ist wirklich verblüffend: Luzifers Inkarnation war der eigentliche Ursprung des Urweisheit, das sich auf dem Boden des dritten nachatlantischen Kultur weit verbreitete. Die Ausbreitung aus diesem kulturellen Impuls des „Asiatisch-luziferischen Menschen“ (Steiners Begriff) in der Menschheit wirkte weiterhin bis ganz in die Griechen-Zeit. Steiner charakterisiert dieser kulturelle Einschlag als die luziferische Weisheit. Er war nützlich für die Menschheit zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung.

Er war glamourös in einer bestimmten Weise und wurde allmählich von verschiedenen Bevölkerungen übernommen. Dieses kulturelle Element verbreitete sich nicht nur in ganz Asien in prähistorischer Zeit, sondern es erreichte auch die ägyptischen und babylonischen Kulturen und ist außerdem erkennbar in den Tiefen der griechischen Kultur. Alles, was Menschen denken und ausführen könnten, z.B. Gedichte schreiben, in jenen Tagen war irgendwie von diesem Thema des luziferischen Gepräges in der menschlichen Kultur bedingt. Viel Schönes und Großes für die gesamte Menschheit kam aus dieser Luziferströmung, sagt Steiner. Auch das griechische Schönheitsideal ist etwas, was aus diesem Entwicklungsstrom gekommen ist, betonte er.

In folgender Weise erzählte Rudolf Steiner einige Hintergrund-Bilder und einige Details über Luzifers Inkarnation für seine Zuhörer im Jahr 1919 – in meiner freien Wiedergabe: Etwas sehr Wichtiges geschah etwa am Anfang des dritten Jahrtausends v. Chr. Das geistig-seelische Wesen der Menschen konnten damals noch nicht die menschlichen Verstandesorgane nutzen. Diese Organe waren bereits im menschlichen physischen Organismus entwickelt, aber das seelisch-geistigen Wesen konnte es immer noch nicht sich zunutze machen. Dieser Zustand bedeutete, dass die Menschen durch ihr Denken und ihr Urteilsvermögen noch nicht einen Einblick über die dinghafte Welt verschaffen konnten. Nur durch das, was ihnen aus den Mysterien – also aus den Trainingszentren für die zeitgemäßen Einweihungen – gegeben wurde, konnten sie ein solches weltliches Wissen erlangten.

So geschah ein bedeutendes Ereignis am Beginn des dritten Jahrtausends in Ostasien. Ein Kind von einer asiatischen Adelsfamilie wuchs auf in der Nähe der Zeremoniendienste der Mysterien. Die Umstände zeigten sich in einer Weise, so dass dieses Kind teilnehmen durfte in diesen Zeremonien, wahrscheinlich weil die führenden Mysterien-Priester die Inspiration bekamen, dass sie sogar erlauben sollten, dass ein solches Kind zur Teilnahme aufgenommen werden sollte. Als der Mensch, der aus diesem Kind erwuchs, etwa 40 Jahre alt geworden war, zeigte sich etwas Besonderes. Steiner betont, dass die Eingeweihten prophetisch vorausgesagt hatten, dass dasjenige, was bisher nur durch die Enthüllungen der Mysterien möglich war, zu erreichen, für dieses Kind, das sie hatten aufwachsen lassen in engem Zusammenhang mit dem, was auf dem Mysterienort passierte, gegen dem 40. Lebensjahr dieses Menschen durch eigene Urteilskraft die Bedeutung dessen begreifen würde, was sonst nur durch Mysterienoffenbarung erschien.

Steiner drückte aus, dass dieser Mensch vermutlich der erste war, der im Einklang mit den Mysterien anfangen konnte, zu bedienen die Organe des menschlichen Verstandes. Er formulierte dann in moderne Sprache, wie die chinesischen Mysterienpriester anno dazumal unter sich über dieses Geschehen sprachen: Kein anderer als Luzifer selbst war in diesem Menschen inkarniert. – Und aus dieser fleischlichen Inkarnation von Luzifer, denn diese Persönlichkeit lehrte wohl, ging dasjenige hervor, was bezeichnet worden ist als die vorchristliche heidnische Kultur, die noch in der Gnosis der ersten christlichen Jahrhunderte lebte. Es ist wegen der Luzifers Inkarnation, dass wir Menschen die Möglichkeit bekamen, die Nutzung von Intelligenz und Urteilsvermögen zu entwickeln. Als Luzifer selbst in einem menschlichen Körper – ob es ein Mann oder eine Frau war, wird also ausdrücklich nicht gesagt; das müssen wir uns klarmachen – lebte, war er der erste der durch Urteilsvermögen, die Bedeutung der Mysterien empfing, die früher in prähistorischer Zeit nur möglich war, zu verstehen, durch geistige Offenbarung.

Meine Antwort auf die Frage im Titel werde ich später mal veröffentlichen. Ich habe ein Buch über dieses Thema in norwegischer und englischer Sprache geschrieben, wo ich meine meditativen Forschungen berichte und begründe. Ob und wann ein Verlag das Buch mit dem englischen Titel The Chinese Lucifer. Lucifer’s incarnation in ancient China and related individualities herausgibt, steht noch in den Sternen geschrieben. ■

1. Rudolf Steiner, Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis (1919), GA 191, Dornach 1983.
Rudolf Steiner, Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft (1919), GA 193, Dornach 1977.
Rudolf Steiner, Weltsilvester und Neujahrsgedanken (1919/20), GA 195. Dornach 1962.
2. Die Gnosis (von griech. γνῶσις, gnōsis, „die [Er-]Kenntnis“), oft auch als Gnostizismus oder Gnostik bezeichnet, ist eine sehr heterogene synkretistische, weitgehend esoterisch gehaltene geistige Strömung, die ihre Blütezeit in der spätantiken Welt des 2. und 3. nachchristlichen Jahrhunderts hatte und das alte Mysterienwissen mit dem philosophischen Denken der Antike und vielfach auch mit christlichem Gedankengut zu verbinden suchte. Quelle: wiki.anthroposophie.net

Bild: Nüwa mit Zirkel und Fuxi mit Winkelmaß. Hängerolle. Farbe auf Seide. Länge 220 cm, Breite 106 cm Top, untere Breite 81 cm. Das Bild ist retuschiert, um die Seiten zu begradigen. Er hängt im Xinjiang Museum im Autonomen Uigurischen Region, China. Nüwa und d Fuxi gehören zu den ersten der sogenannten chinesischen Urkaiser. In der frühchinesischen Mythologie ist Nüwa nach der Erschaffung der Welt die Schöpfergöttin des Menschengeschlechtes. Der Legende nach ist ihr Ehemann Fuxi auch der Urahn der Menschen. Beide werden mit einem Schlangenleib dargestellt. Quelle: Wikipedia

10
Okt
2010

Gutes Sterben

800px-David_-_The_Death_of_Socrates

Die Sterbekultur machte im Orient, in der Antike und im christlichen Westen viele Phasen durch. Wie Sokrates sich vor der Hinrichtung gelassen verhielt, bildete ein Höhepunkt zur Frage der Unsterblichkeit der Seele. Auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Idee des ‹guten Todes› skizziere ich einige Perspektiven im Umgang mit Sterben und Tod, die sich heute aus meditativer Forschung ergeben. Ein Dreiklang von Tugenden tritt dabei im Vordergrund.

Von der physischen Seite betrachtet, erfolgt der Einstieg ins Leben immer durch andere Menschen. Meine Geburt entstand durch meine Eltern. Sterben kann ich nur, indem andere betroffen werden, weil sie dabei sein oder zu den Hinterbliebenen gehören werden. Ich habe einige Erfahrungen mit Sterben und Tod von Angehörigen und Nahestehenden gehabt, aber nie war ich dabei, im Augenblick als jemand starb. Danach habe ich jedoch den Unterschied erlebt, wie der physische Leib eines Menschen ganz anders wirkte, als wenn der Betroffene ihn durch Seele und Geist noch belebte. Der Leichnam schien abgelegt worden wie ein Kunstwerk. Wie möchte ich sterben?

So wie die Archäologie und die Ethnographie zeigen, entwickelte sich die Sterbekultur durch viele Stadien. Die Anordnung der Skelette in Begräbnisstätten, wo die Frau dem Mann zugeordnet ist, lässt ableiten, dass die Longshan-Kultur patriarchal war. Diese späte neolithische Kultur in China wird etwa auf die Zeit von 3200-1850 v. Chr. datiert. Dagegen war die frühere Yangshao-Kultur offenbar noch matriarchal. (1) Die buddhistische Schrift Bardo Thödröl («Befreiung durch Hören im Zwischenzustand») aus dem 8. Jahrhundert – im Westen bekannt als das Tibetische Totenbuch – enthält Anleitungen über den Sterbeprozess und die Wiedergeburt nach drei Zwischenzuständen sowie die Aussicht, aus dem Karmakreislauf auszusteigen. Diese Phasen gliedern sich schematisiert in: 1. Der Moment vor dem Tod: Das Wesen des eigenen Geistes strahlt in hellem Licht. 2. Die Essenz der höchsten Wirklichkeit: Die friedvollen und die rasenden Gottheiten erscheinen als ein Mandala. 3. Der Zwischenzustand des Werdens: Das persönliche Karma und die Lebenstaten werden durchlebt. (2)

Platons Dialog Phaidon (entstanden um 380 v. Chr.) beschreibt am Ende Sokrates Abschied von der Familie und die berühmte Hinrichtung. Er trinkt den Giftbecher in Dabeisein seiner traurigen Freunde aus und wartet gelassen auf den Tod. Er äußert, dass der Glaube an das ewige Bestehen der Seele ein schönes Wagnis bedeutet: «Also um deswillen muss ein Mann gutes Mutes sein seiner Seele wegen, der im Leben die andern Lüste, die es mit dem Leibe zu tun haben, und dessen Schmuck und Pflege hat fahren gelassen, als etwas ihn selbst nicht Angehendes und wodurch er nur Übel ärger zu machen befürchtete, jener Lust hingegen an der Forschung nachgestrebt und seine Seele geschmückt hat nicht mit fremdem, sondern mit dem ihr eigentümlichen Schmuck, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit, so seine Fahrt nach der Unterwelt erwartend, um sie anzutreten, sobald das Schicksal rufen wird.» (3) [weiter]

Abgelegt in gamamila.de


1. http://de.wikipedia.org/wiki/Longshan-Kultur
2. Den tibetanske Dødsboken. Gyldendal, Oslo 2000. Übersetzt aus dem Tibetischen ins Norwegische von Henrik Mathisen.
3. Platon, Phaidon 63, in: Sämtliche Werke, Bd. II, Hamburg 1994, Seite 350.

Bild: Jacques-Louis David, Der Tod des Sokrates (1787)
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