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17
Dez
2009

Poesiemeditation

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edichte selbst zu schreiben und Gedichte von anderen zu lesen gehört zum Schönsten im Leben für viele Menschen – und für mich. Die Begeisterung für und an der Sprache öffnet manchmal feine Herangehensweisen an die äußere Welt und and die inneren Welten. Dichtung und Poesie noch intensiver zu pflegen, kann außerdem eine gute Vorbereitung für ein höheres, meditatives Bewusstsein sein. Angefangen mit Gedichten, Sprüchen und Mantren führt die Meditation jenseits von Wort und Begriff. Ein meditativer Umgang mit dem Poetischen arbeitet u. a. mit Entfaltungen oder Metamorphosen. Ich setze mich hin und schreibe einige Strophen oder ich suche ein geliebtes Gedicht von einem Dichter aus. Mit einem befindlichen Gedicht, mit zwei Zeilen von Hans Carossas Geheimnisse des reifen Lebens (1936) lässt sich eine angenehme, feinsinnige Meditation entwickeln:

Es gibt kein Ende,
Nur glühendes Dienen.
Zerfallend senden
Wir Strahlen aus.


Zuerst wird das kleine Gedicht gelesen, am besten laut, so dass ich die Vokale und Konsonanten höre und quasi im Mund erlebe, wie die Zunge und die Lippen die Laute des Gedichts gegen die Zähne und den Gaumen wie plastisieren. Ich tue es mehrmals, und dann lese ich es erneut still. Beim Lesen versuche ich zunächst, meine subjektive Interpretation zu finden, ehe ich versuche, zu verstehen, was der Dichter wohl gemeint hat, was ihn eventuell bewegt hat, es so zu schreiben. Um nicht sofort in ein intellektuelles Verfahren zu kommen, gehe ich einen erinnerungsmäßigen oder bildhaften Umweg. Ich bleibe dabei sachlich und ganz konkret. Ich erinnere mich, ob und wann ich „kein Ende“ erlebt habe. Ich denke an lange Reisen und Wanderungen, die mich zuweilen sehr müde machten. Ich versuche das Dauerhafte, das Beständige, das Fortgesetzte in meinem Leben zu erkennen.

Ich denke an das Generationserbe in meinen Adern. Wie hat mein Großvater mütterlicherseits gelebt, der 1963 starb, als ich 9 Jahre alt war? Habe ich mit ihm irgendwelche Ähnlichkeiten? Habe ich später das Motorradfahren angefangen und so toll gefunden, weil ich schon als 5-jähriger mit ihm gerollt bin? Ich bedenke alte Traditionen und Lebensformen die weiterhin mein ganzes Leben beherrschen – wie z. B. den schönen Gebrauch des Weihnachtsbaumes, dass ich in einigen Tagen kaufen werde, und nicht mehr direkt aus dem Wald holen, wie ich es jahrelang in Skandinavien getan hatte.

Ich schaue aus dem Fenster in die Ferne. Mein Blick geht zum Waldrand, zum blauen Himmel mit den flaumigen Wolken, zum Weltenraum. Gibt es kein Ende? Wann habe ich etwas Glühendes erlebt? Was glühte? Wie glühte es im Kaminfeuer auf der Hütte, auf der Wiese nach dem Johannifeuer? Wann entsteht in einem Feuerprozess das Glühen? Wie glüht Birkenholz, wie anders glüht eine Wurzel der Kiefer? Was war vorher und was kommt danach? – Und das Dienen? In welcher Art habe ich einmal gedient? Wem habe ich gedient? Gab es eine Belohnung? Bin ich enttäuscht gewesen, als es einmal keine Anerkennung gab? Wie kann das Glühende mit Dienerschaft verbunden werden? Durch die Fragen individualisiere ich den inneren Prozess und belebe die Varianten des Dienens! Wo liegt der Unterschied zwischen Gehorchen und Beistehen? Kenne ich Menschen, die diese Fähigkeiten haben? Was charakterisiert ein Tier, einen Mensch, ein geistiges Wesen, die solche Fähigkeiten des Helfens haben? Wie dienen Engel? – „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen.“ Welche Tätigkeit, Eigenschaft oder Tugend wird damit gemeint? Wem wird gedient? Was können wir dabei tun? Was geht immer weiter? Warum entsteht bei diesem Wirken kein Burn-out-Syndrom?

„Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Wann, wo und wie habe ich etwas Zerfallendes erlebt? Was ist zusammengefallen? Habe ich einen Hausbrand miterlebt oder Bombardement und Krieg? Nein, ich habe nur davon gehört. Welches Welken und Sterben habe ich in der Natur gesehen? Wie sah das Pflanzenleben aus und was kam danach? War ich dabei, als ein Mensch gestorben ist? Nein, aber kurz danach kam ich heran und habe Sterbewachen miterlebt. Deswegen kenne ich die Ästhetik des Gesichts eines Verstorbenen und einmal habe ich Rudolf Steiners Totenmaske in Dornach gesehen. Ich erinnere mich an Briefe, Postkarten oder Emails, die ich geschickt habe. Wem habe ich Liebesbriefe geschickt? Was habe ich damit angestrebt oder beabsichtigt? Meine Stimme ist schon per Rundfunk übertragen worden. Welche Art sichtbarer und unsichtbarer Strahlen habe ich erlebt? Habe ich Röntgenbestrahlung erhalten? Als die Tschernobyl-Katastrophe im Frühjahr 1986 stattfand, befand ich mich in Mittel-Schweden. Im Nord-Schweden war der radioaktive Niederschlag so groß, dass es lange Zeit verboten war, Wildfleisch zu essen. Das war für die Rentierhaltung ein schwerer Schlag.

Was verbinde ich damit, wenn jemand sagt, dass ich eine gute Ausstrahlung habe? Wie beschreibe ich, dass Menschen unterschiedliche aurische Leuchtkräfte haben? „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen. Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Ich probiere, statt des „wir“ zuerst ich zu meditieren. Zu welcher inneren Haltung komme ich, wenn ich versuche, diesen Zustand seelenkräftig, bildhaft und imaginativ zu erzeugen? Dann lasse ich das Wir zu. Welche anderen Menschen würde ich zu meinem Wir rechnen? An welche Individualitäten und Geistwesen dürfte dabei gedacht werden? Ich verfolge den Weg eines solchen Strahls. Welche Lichtqualität, Farbnuance und Substantialität hat mein Strahl? Wie fühlt es sich an, Glut zu sein, die Enthusiasmus ausstrahlt? Wie fühlt es sich an, sonnenhaft oder sternähnlich zu sein, wenn ich reine Liebe, umfassende Weisheit oder selbstbestimmende Freiheit geben würde?

Ich sende den Strahl in einer Richtung hinaus, die einen bestimmten Ort auf der Erde in der Gegenwart treffen soll. Wo kommt der Strahl hin? Trifft er auf die Erde, auf eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen, ein Haus, ein Auto? Welches Tier ist es oder welche Marke hat das Auto? Ich verweile bei dem Ding, dem Objekt oder dem Wesen, das den Strahl empfangen hat. Wie wird der Strahl eventuell erlebt? Was bewirkt dieser, Strahl in der entsprechenden Gestaltung? Ich tue Ähnliches, wenn ich vorher das Ziel des Strahls festgelegt habe. Wohin und zu wem schicke ich dann meine Strahlen? Nach Järna, nach Dornach oder and die Egoisten?

Was halte ich für den wichtigsten Begriff im Gedicht von Carossa? Ich versuche, die Betonung auf verschiedene Begriffe und Stellen in der inneren Tätigkeit zu legen. – Was verstehe ich und was tue ich bei „zerfallend“? Wie kann ich beim ständigen Zerfallen, Zugrundegehen und mich Loslassen eine fortführende meditative Aktivität betreiben? Welcher Teil meines Wesens muss in Erscheinung treten oder tätig werden, damit ich mein Bewusstsein nicht verliere? Welche Kraft im Zerfallen überwältigt mich, wenn ich in der Meditation einschlafe? Ich kann versuchen, das Einschlafen und das Aufwachen bewusst zu üben. Wie mache ich denn das? Vielleicht indem ich mich so verhalte, wie die Hirten im Oberuferer Christgeburtspiel – mit den Rücken zueinander! Durch den Schlaf hören sie die Schalmeientöne, und infolgedessen können sie den Weg zum Neugeborenen finden. ■

Bild: Oberuferer Christgeburtspiel in der Rudolf Steiner-Schule-Pötzleinsdorf. Foto von Alexander Schleissing. Quelle: waldorfschule-poetzleinsdorf.at

14
Dez
2009

Die jahrhundertealte Eiche

800px-Bliesgau

EINST ERLEUCHTETEN LILIENWEIß
und erwärmten rosenrot
die vulkanischen Türme
die herzensguten Fähigkeiten
und die lodernden Fußspuren
der atlantischen Kulturen
unseres paradiesischen Kontinents

Einst ernährten uns in Überfülle
die prächtigen Göttergeschenke
Über uns wölbte das Firmament sich
bis es eines schicksalhaften Tages
uns nicht mehr hüten konnte
Die magische Zivilisation
zerfiel in barbarische Trümmer

Zehntausend kleine Kerzen
erhellen heute die Gesichter
der zu wenigen Erdenleute
Ihres Lichtes Ausschmückung
scheint zu erblassen im Schein
des Scheusals der Weltenfeger
Ich kann es kaum fassen

Wir gehen zur Kirchheimer Eiche
zumal sie einsam weint
500 Jahre stand sie hier
und bleibt auch stehen künftig
Aus der Ferne hat sie uns gesehen
und beizeiten uns geschützt
während vieler Leben

Leise murmelt der Baumgeist
und lässt uns teilhaben
an seinem Beifallssturm
für ein gebündeltes Geschehen
Mögen wir auf anspruchslose Weise
im globalen Blickfeld geistig
den Alexanderturm erbauen

12. Dezember 2009


Bild: Die charakteristische Landschaft des Bliesgaus. Foto: Dirk Weishaar (cc) Quelle: Wikipedia

10
Dez
2009

Dezember

467px-Hieronymus_Bosch_Weltuntergang_mitte_low


DEN GALGENHÜGEL VERLIEß ICH ABENDS
im gedächtnisträchtigen Dezember und ging
durch polizeibewachte Straßen von Frankfurt am Main
Bereitschaft schoss aus meinem schwarzen Rucksack
um entgleiste Beziehungen neu zu knüpfen
Trotz Messer und Löffel unter den Fußsohlen
war meine Gangart googlehaft flexibel
Im roten, blauen, grünen und gelben Erdenaura gekleidet
begleitete meine 56. Geliebte stets munterer mir –
jedoch ganz verschleiert war ihr Gesicht


Bild: Hieronymus Bosch, Mitteltafel des Weltgerichtstriptychons. Die Mitteltafel ist ungefähr 1,6m breit und 2,4m hoch. Entstanden ist es nach 1485 und vor 1505. Das Triptychon wird in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste in Wien ausgestellt. Quelle: Wikipedia

30
Nov
2009

Ein geistwesen dachte in mir

Eisengel







ERINNERND TRAT ICH
mühselig zu mir zurück
mit wundersamem im begreifen
das fern von meinem denken
seine existenz bekommen hat

Losgesteuert war ich
mit einem sucherselbst
das in des winters schauensglanz
herausgelöst vom alltagsleben
einem andern ich begegnete

Klar denkend bin ich
in das fremde eingetaucht
obgleich altbekannt
war die verkündigung
und des wesens zärtlichkeit

Gedenkend kann ich seine wohltat einen
mit meiner herzensangelegenheit
mit meiner langmut
und mit meiner leben ziele
die aufkeimen im schnee am horizont

Jostein Sæther


Bild: Eisengel
Quelle: fotosearch.de

18
Nov
2009

Личность (Ličnost) – das Wesen der Persönlichkeit

505px-Kazimir_Malevich_-_Self-PortraitRückblick auf meine zweite Russlandreise in Oktober 2009

D
urch die Dienstleistungen zweier orientierungsfähigen Jugendliche, die beide Deutsch mühelos sprechen, konnte ich bei meiner Wiederkehr nach Moskau sowohl das riesengroße und umfassende Neue Tretjakow-Galerie als auch das kleine und intime Andrej Belyj-Museum besuchen. Auch diesmal hielt ich einen Vortrag in der Anthroposophischen Gesellschaft – jetzt über den forschenden Umgang mit Rudolf Steiners Karmaübungen. Ich gab außerdem einem Seminar in Moskau und einem in Waldai – über Karmapraxis und die Frage der Verwandlung der Persönlichkeit. Dabei wurde das Bauen der imaginativen Hütte geübt, das die Frage der Tempel des Geistes allgemein und in individueller Umsetzung aufgriff.

In der Neuen Tretjakow-Galerie wird die Avantgarde der Moderne anregend präsentiert. Die gesamte Ausstellung schließt den Zeitraum von 1910 bis zur Gegenwart ein. Dort hängt Das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch zentral – eine Art moderne Ikone der abstrakten Malerei aus dem Jahr 1913. Eine herausragende Künstlerin der russischen Avantgarde war zu Anfang des 20. Jahrhunderts Natalja Gontscharowa. Sie beeinflusste sowohl Malewitsch und als auch Wladimir Tatlin. Doch anders als Malewitsch mit seinen strengen Farbkompositionen und Quadraten, durchstreifte sie die abstrakte Malerei nur kurz und pflegte dann eine malerische Vielfalt. Ihre farbenfrohen Bilder, die zurzeit in Deutschland u. a. in Rüsselheim zu sehen sind, wurzeln in bäuerlichen Motiven Russlands. Tatlins Werke zeichnen sich aus durch eine Expressivität, die typisch war für den Kubisten und Futuristen, die reichlich im Museum repräsentiert sind. In ihren Arbeiten sollten sich die Dynamik der russischen Revolution und des Aufbruchs in die Diktatur des Proletariats spiegeln.

Weiter zum ganzen Aufsatz auf gamamila.de

Die Berichte über meine erste Russlandreise sind zu finden hier:
Impressionen aus Russland I
Impressionen aus Russland II
Impressionen aus Russland III

Bild: Kasimir Malewitsch, Selbstporträt, 1933, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg. Die Handhaltung soll an das Quadrat erinnern, das ebenfalls als Signatur (rechts unten) dient. Quelle: Wikipedia

12
Nov
2009

Eine selektierte Frage

Gibt es ein Cliquenwesen in der Anthroposophischen Gesellschaft?

Bosch-PharizaeerA
b und zu frage ich mich, warum ich nicht wieder Mitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) werde. Vor sieben Jahren bin ich ausgetreten. Hat es mit Demut und Eitelkeit zu tun, dass ich nicht wieder eintrete? Ich unterstütze ja z. B. die Aktion ELIANT, die sich praktisch und politisch für die Intentionen einsetzt, die auch in den apolitischen Richtlinien der AAG liegen. Bin ich zu anspruchsvoll, zu ehrgeizig gegenüber meinen eigenen Ideen und Vorhaben als Anthroposoph, um mich in ein größeres Gefüge wie dasjenige der AAG hineinzustellen? Bin ich eventuell zuwenig demütig gegenüber deren Mitglieder, die zuweilen meine Bezüge und Ergebnisse als unvereinbar mit ihren Erkenntnissen sehen? Da ich regelmäßig in konkreten Berührungen komme mit Mitgliedern der AAG oder mit Gruppen und Firmen, die mit ihr assoziiert sind, möchte ich Fragen wie diese erwägen, um den Erkenntnisgrund zu beleben, in der meine eigene Initiativkraft wurzelt.

Wenn der „Internetportal Anthroposophie“ anthromedia.net, der von Menschen und Funktionären der AAG, der Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHfG) in Dornach, der anthroposophischen Wochenschrift Das Goetheanum, der anthroposophischen Forschungsstelle Kulturimpuls usw. betrieben wird, Texte von mir übernimmt – gegebenenfalls verkürzen und anpassen, sodass sie ihrem redaktionellen Konzept erfüllen –, werde ich dann im meiner Demut und in meiner Eitelkeit herausgefordert? Geben solche Situationen der anthroposophisch orientierten Zusammenarbeit, unabhängig davon, ob ich heute Mitglied bin oder nicht, uns die Gelegenheit, sich geistig zu schulen, Selbsterkenntnis und Welterkenntnis zu üben, auf karmische Feinheiten zu achten?

Mit einem aktuellen Exempel möchte ich ein Phänomen zeigen, das sozusagen ‚hinter den Kulissen’ lebt, etwas, was die oben aufgezählten Fragen bei mir erweckten. Dabei kann auch die alte Problematik wieder zur Rede kommen: Inwiefern sei die Anthroposophische Gesellschaft eine Sekte oder nicht, inwiefern würden sie oder ihre Mitglieder sektiererische Neigungen haben oder gruppenegoistische Tendenzen zeigen, die zuerst überwunden würden, wenn man sie bewusst zugibt? – Die Redaktorin, die die Einstellung meines Berichts zu den Karmapraxistagen auf dem Internetportal Anthroposophie redigierte, stellte den ganzen Text inklusive den Kommentar von Immo Lünzer ein bis auf kleine Korrekturen (z. B. den Zusatz mit den Familiennamen!) und bis auf den folgenden Abschnitt meiner persönlichen Fragestellung:

„Ich fragte mich, ob die Tonangebenden der AGiD, der AAG und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum diese neue und zukunftsweisende Welle der Karmapraxis in der anthroposophischen Bewegung hilfsbereit unterstützen wollen – ähnlich wie es die damaligen Vorstände der internationalen Goetheanum-Konferenz im Jahre 1997 in Berlin austrugen?“

Durch diese Herausnahme weist das Wort „diese“ in den nachfolgenden Satz nicht mehr auf die Berliner Goetheanum-Konferenz sondern auf die aktuelle Witten-Annener Tagung, was ich jedoch nicht beachtsichtig hatte:

„Rückblickend können diese und die anderen zwei Karmakonferenzen, die vor dem Millenniumswechsel im Forum 3 in Stuttgart unter Leitung von u. a. Nothart Rohlfs veranstaltet wurden, als epochaler Anregung für Reinkarnationstherapie, Karmaarbeit, Karmapraxis und Karmaforschung gesehen werden.“

Gemäß der Ansicht der Redaktorin würde sich die Frage „angesichts des eindrücklich formulierten Berichtes von selber“ ergeben, und sie könnte deshalb ohne weiteres gestrichen werden. Ist das so, dass die Frage sich ergebe aus dem Text von selber? Oder liegt hier ein anderes Phänomen vor? Ist es nicht typisch für anthroposophische Redaktionen Streichungen seinesgleichen vorzunehmen, ohne den Autor vorher zu fragen? Ich wurde in diesem Fall vorher nicht aufgeklärt. Bei Druckmedien sind solche Auslassungen ohne das Wissen des Autors heikler als bei Internetmedien, weil im Letzteren schnell wieder Änderungen vorgenommen werden können. Wenn ich vorher weiß, dass eine Redaktion sich diese Freiheit nimmt, ist es sowieso weniger schlimm. Aber warum wurde genau dieser fragende Satz gestrichen? Wir hätten uns ja vielleicht auch zu einem Änderungsvorschlag einigen können. Beispielsweise, wenn ich geschrieben hätte: „Ich würde mich freuen, wenn die Tonangebenden...“, wäre es der Redaktorin vielleicht gar nicht aufgefallen. Ehrlich gesagt, ich hatte mich aber diese Frage in Witten-Annen tatsächlich gestellt, und ich möchte mich dann im Bericht wahrheitsgemäß formulieren und nicht irgendeine Fiktion unterbreiten!

Ich wollte mit dem Hinweis auf diesen drei Karma-Konferenzen am Ende des 20. Jahrhunderts sozusagen zwischen den Zeilen ein historisches Relief für das aktuelle Wochenende in Witten-Annen geben. Ich hätte auch auf weitere Veranstaltungen nach dem Millenniumwechsel hinweisen können, die von Nothart Rohlfs in Kassel eskortiert wurden. Aber bei den Dreien war ich selbst Referent und Zeuge und kann ihre Nachwirkungen auf die anthroposophische Bewegung und auf die allgemeine Gesellschaft direkt einschätzen. Die sogenannten Goetheanum-Konferenzen waren in den 1990er Jahren eine Initiative der Dornacher Vorstand und ihrer Assoziierten unter Leitung des damaligen ersten Vorsitzenden Manfred Schmidt-Brabant. Sie fanden außerhalb von Dornach – u. a. in Berlin – statt, weil der Goetheanum-Saal damals renoviert und neu gestaltet wurde. Die Konferenzen 1998-99 in Forum 3 wurden aber vom Haus verantwortet und nicht von der AAG oder der AGiD arrangiert.

Die „Tonangebenden“ – der Begriff wird gegebenenfalls mit Nuancen wechselnder Klangfarbe gelesen –, wenn sie einen Vorstands- oder Hochschulgremium gehören, können anthroposophische Initiative als Ganzheit unterstützen, dann tritt z. B. die AGiD als Mitveranstalter auf, oder sie können individuell als Referenten in einer Tagung figurieren, die von einem anderen Veranstalter getragen wird, und dann würden sie gegebenenfalls nicht den ‚Aushängeschild’ AGiD benutzen oder anwenden dürfen. Hierin äußern sich die Feinheiten und die Problematik des anthroposophischen Initiativfelds, die ich seit den 1970ern beobachtet habe. Damals wirkte ich in der Redaktion der Stockholmer Monatszeitschrift Antropos, die von der Anthroposophischen Gesellschaft in Schweden (AGiS) herausgegeben wurde. Der Kassierer des schwedischen Vorstands hatte Mitte der 1980er – die Zeitschrift war damals etwa 30 Jahre alt – entdeckt, dass die Vorstandsmitglieder inklusive der Herausgeber, Arne Klingborg, dort seit einiger Zeit nicht mehr schriftliche Beiträge darbrachten. So gab er im Vorstand der AGiS – wo Ingrid Sahlberg, die leitende Redaktorin, delegierter Mitglied war – sein Vorschlag kund, dass die Zeitschrift aus der AGiS heraus geschieden werden müsste, um „auf eigene Beinen“, wie es hieß, zu stehen. Das geschah auch ruckzuck, und es wurde notwendig, eine eigene Zeitschriftstiftung zu gründen. Warum war es denn nicht möglich, dass eine Zeitschrift, deren Redaktion zu 100 Prozent Mitglieder der AAG und zu Zweidrittel Mitglieder der FHfG waren, nicht als Organ der AGiS verstanden werden durfte, seitdem deren Vorstand nicht mehr darin unmittelbar tätig war?

In diesem Fall wurde es mir zum ersten Mal voll bewusst, dass dominierende Mitglieder der Anthroposophische Gesellschaft sie als Verein und nicht als Herzensgemeinschaft betrachten, also einen Zusammenschluss, den jeder Anthroposoph falls er Mitglied ist, angehört, und, der ihn bevollmächtigen würde, falls er auch noch Hochschulmitglied ist, die Anthroposophische Gesellschaft in der Welt initiativkräftig zu repräsentieren. Weil eine Initiative der AAG in den verschiedenen Ländern immer oder meistens als etwas angesehen wird, das von den Vorständen abhängen muss, und nicht als etwas, was ein oder mehrere Mitglieder, die nicht Funktionäre sind, selbständig verwalten können, haben wir diesen Tendenz in der anthroposophischen Bewegung, dass neue Initiative immer eigene Fraktionen, Vereine, Verlage und Schulen gründen. Auch die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um die Konstitutionsfrage, die scheint, gerade nicht auf der Tagesordnung zu sein, wurzeln in dieser Problematik der Zersplitterung.

Rudolf Steiner selbst kämpfte unter seinen Schülern und Anhängern quasi gegen Windmühlen. Wiederkehrend besprach er das Thema der Sekte und versuchte die doppelgängerischen Eitelkeitsimpulse in der Anthroposophischen Gesellschaft klarzulegen. In einem Vortrag im Heilpädagogischen Kurs (GA 317, Vortrag vom 5. Juli 1924) sprach er vom „inneren Faulheit“ bei denjenigen, die es nicht schaffen, auf das hinzublicken, worauf es im konkreten Leben ankommt:

„Die Anthroposophen haben doch so viele Gelegenheiten, auf diese inneren Intuitionen achtzugeben, sie haben sie auch viel mehr, als man glaubt, aber sie geben nicht acht darauf, weil sie sich hingestellt finden in dem Augenblick, wo sie auf so etwas achtgeben sollten, vor eine beim Menschen schwer besiegbare Eitelkeit. Nicht wahr, mit diesem Entdecken von Fähigkeiten sprossen herauf alle möglichen Eitelkeitsimpulse. Man wird gerade in der Zukunft brauchen das, was einmal auf einem außerordentlich philiströsen Territorium, aber aus einer gewissen Intuition heraus, genannt worden ist: die Andacht zum Kleinen. Das ist etwas, was sich gerade die Jugend aneignen müsste. Sie schwelgt zu stark in Abstraktionen. Das ist aber das, was mit Wucht hinaufreißt in die Eitelkeit.“

Steines Ansicht (formuliert in: Die Geschichte und die Bedingungen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, Seite 157, GA 258) zur Sektenthema war, dass die Anthroposophen selber nur angesichts des geistigen Gesetzes der Anziehung dieses Problem überwinden würden:

„Was nützt es denn, wenn wir den Leuten immer wieder und wiederum sagen, wir
seien keine Sekte, wenn wir uns so verhalten, wie wenn wir eine Sekte wären. Immer wieder und wiederum hört man von Anthroposophen der Außenwelt gegenüber sagen: wir, die Gesellschaft, haben diese oder jene Anschauung. Mit uns geschieht das oder jenes. Wir wollen dieses oder jenes. Das war in alten Zeiten möglich, dass in einer solchen Konformität Gesellschaften vor die Welt sich hinstellten. Wenn dieses ‚wir’ verschwindet, dann fühlt sich nicht jeder in der Gesellschaft wie in einem Wassertümpel drinnen, von dem er getragen wird, und auf den er sich entsprechend beruft, wenn es darauf ankommt. Sondern, wenn er in der Gesellschaft seine eigene Meinung und sich selbst vor allen Dingen zu vertreten hat, fühlt er sich auch für dasjenige voll verantwortlich, was er als einzelner, als Individualität spricht.“

Dieser steinersche Selbstvertretungsansatz war und ist meines Erachtens in der anthroposophischen Szene wenig und zuwenig ausgebildet. Es wird stattdessen versucht, einen Konsens zu finden, die womöglich alle vertreten können. Man versucht, einen ‚größten gemeinsamen Teiler’ und ein ‚kleinstes gemeinsames Vielfaches’, die den Hausfrieden regulieren oder regieren soll, das aber meistens zu einer Vermischung oder zu einer Nivellierung der persönlichen Meinungen führt mit den weiteren Folgen für die Gemeinschaft, die in Fraktionen und Cliquen sich aufteilt, und sich deshalb langsam von innen her zersplittert. Was hier in einem sozialen Organismus passiert, ist zu vergleichen mit einem multiplen Myelom, also eine Krebserkrankung des Knochenmarks. Sie ist gekennzeichnet durch bösartige Vermehrung von Antikörper produzierenden Plasmazellen. – Zwei weitere Zitate Steiners bringt das Problem auf den Punkt:

„Cliquen, sektiererische Richtungen innerhalb unseres eigenen Gesellschaftskörpers haben genügend dafür gesorgt, dass man im Grunde genommen, wenn von Anthroposophie die Rede ist, allerlei bloßen Geisterspuk und dergleichen vermutet.“ (GA 190, Seite 219)

„Was im anthroposophischen Impuls liegt, gehört der Welt an, gehört keiner Sekte an. Und jeder versündigt sich gegen die Anthroposophie selbst, wenn er die anthroposophischen Gedanken sektiererisch betreibt.“ (GA 192, Seite 183)

Der Präsident einer parlamentarischen Sekten-Untersuchungskommission in Frankreich, Jacques Guyard, hatte am 17 Juni 1999 bei einer Nachrichtensendung die anthroposophische Bewegung als Sekte diffamiert. Das Urteil des französischen Gerichts stellte immerhin im Jahr darauf fest, dass der anthroposophischen Bewegung keine Sekte entspreche. Die Arbeiten der parlamentarischen Untersuchungskommission stellten keine seriöse Untersuchung dar, meinte das Gericht. – Im Internet und in den darin veröffentlichten Texten geht es manchmal um Kleinigkeiten, die weniger wichtig sind, manchmal um kleine, aber nichtsdestotrotz entscheidende Unterschiede, die dann zu klären sind, wenn das Ganze, was ich sagen wollte, nicht auf mich selbst, auf uns und auf die unbekannten, meist anonym kommentierenden Leser zersplitternd wirken soll. Gerade in dem Fehlen der Andacht zum Kleinen kann sich die Kraft des „dritten Übels“ Eingang finden, das wäre ein Böses, dass zunächst sehr schwierig sich anhand authentischer Erfahrung charakterisieren ließe.

Im betreffenden Bericht war die Rede am Schluss von einem „anthroposophischen Gesellschaft“, geschrieben mit einem kleinen A, um zu unterscheiden von der Gesellschaft mit dem großen A. Der Kleine weist hier auf eine Größere, die sicherlich kein Sektierertum in ihren Reihen erlaubt. Die Kleine sollte auch keinen Meinungszwang in ihren Reihen dulden. Nichtsdestotrotz ist zu beobachten, dass es innerhalb der AAG, deren Mitgliederzahl Jahr für Jahr schrumpft und lange weit weg von 1 Million ist, viele Repräsentanten geben, die andersartige oder kontroverse Auffassungen nicht ertragen oder nicht unterstützen wollen. Falls sie die Karmaarbeit mittragen wollen, müssten sich jedoch einiges seit dem letzten Jahrhundert geändert haben. Im Vorwort meines zweiten Buchs erinnerte ich an den ehemaligen Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden, Ate Koopmans:

„Eine für mich wichtige Mitteilung, die er gab, war: welche Persönlichkeiten in einem führenden weltweiten anthroposophischen Gremium, die sich für seinen Vorschlag, Anleitungen zu praktischen Karmaübungen im Sinne Rudolf Steiners in den 1980er Jahren allseitig anzubieten, einsetzten, und welche nicht Stellung nehmen wollten und welche sich ganz dagegen stellten. Die Mehrzahl war quasi gegen seine Initiative. So musste er sich damit abfinden, seine Arbeit nur im kleineren Rahmen in seinem Heimatland zu machen. Folglich bekam ich durch ihn unentbehrliche Hinweise, um zu verstehen, warum sich in der anthroposophischen Bewegung in den 90er Jahren die Verzagtheit weiterhin so stark vor diese bedeutungsvolle Aufgabe lagerte, die Karmaforschung im Sinne Rudolf Steiners weiter zu entwickeln. Solche Mitteilungen halfen mir in der Zeit nach der Jahrtausendwende, zu erkennen, wo und wie ich meine Kraft für die Karmaarbeit fortführend einzusetzen hatte.“

In einem künftigen historischen Rückblick auf diese Gegebenheiten scheint es mir richtig, konkrete Namen zu nennen, da Ate Koopmans sie ausdrücklich erwähnte. Einer, der ihn in Dornach am stärksten unterstützte, war faktisch Manfred Schmidt-Brabant! Hat sich denn etwas in diesen 25 Jahren wirklich entwickelt, verbessert, verwandelt? Was bedeutete denn die vermächtnishaften Worte Schmidt-Brabants in seiner/einer seiner letzten Ansprache/n für die Mitglieder im Jahr 2000, als er von „einer okkulten Gefangenschaft der AAG“ sprach? Hat er damals ein internes Problem der Konformität berührt, das mit den Fragen dieses Aufsatzes zu tun haben könnte? Wenn ja, ist das Problem seitdem überwunden? Ich würde mich sehr freuen, wenn die in der selektierten Frage gefragten Repräsentanten der gemeinten Körperschaften und Kollegien sich öffentlich äußern würden – am besten allerseits für sich, weil ein jeder gemäß Steiner „sich selbst vor allen Dingen zu vertreten hat“. ■

Nachtrag um 21:19 Uhr: Nach vielen elektronischen Benachrichtigungen hin und her in mehreren Richtungen seit gestern Morgen, hat anthromedia.net nun beschlossen, den selektierten Satz einzupflegen. Nichtsdestotrotz kann man dort keinen Hinweis finden, dass der betroffene Satz zwei Tage wirklich ausgesondert war, und, dass er zu einigen menschlichen Umständen und Gefühlsschwingungen geführt hat. Das ist nun auch ein Effekt des Internets. Nachträglich könnte jemand kommen und behaupten, dass ich mich geirrt habe, indem er sagen würde: „Die Frage war immer da!“ Die geistigen Hilfskräfte des Akasha werden aber inzwischen jedenfalls einiges zu tun gehabt haben! Trotz dieser unerwarteten Wendung der Dinge lasse ich den heutigen Blog als Akte stehen.

Bild: Hieronymus Bosch, Zwei Pharisäer, um 1500, 15x10,3 cm, Feder in Schwarz auf Papier, New York, Sammlung Lehmann. Das Skizzenblatt ist möglicherweise im Zusammenhang entstanden mit dem Triptychon „Das Jüngste Gericht“, heute in Wien, Akademie der Künste. Quelle: Zeno

10
Nov
2009

Karma ordnen

Ein Forschungs- und Übungstag in Witten-Annen

S
chätzungsweise 120 Menschen trafen sich am letzten Freitag und Samstag in einer freien Schule nach der Pädagogik Rudolf Steiners namens Blote-Vogel-Schule, um sich der Karmapraxis zu widmen. Die in Witten-Annen im Ruhrgebiet beheimatete Schule überrascht mit ihrer schlichten goetheanistisch-funktionalistischen Bauart. Sind die Tagungsgäste vom Karma dahin geführt worden? Liegt ein günstiges Karma vor, wenn so viele Menschen sich um die zentralsten Lebensfragen so beseligt sammeln, sich um eine Vielfalt von weiterführenden Antworten so begeistert austauschen und sich um das Verständnis der Ergebnissen im Geist-Erleben so ernsthaft ringen? Die Teilnehmer selbst, die sechs Referenten und der Veranstalter – die Anthroposophische Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen und Fakt 21 Kulturgemeinschaft in Bochum –, personifiziert in der mit Bescheidenheit, Umsicht und Selbstbewusstsein sich um alles kümmernden Michael Schmock, freuten sich sehr, dass so viele Interessierte zu diesem „Thementag“ kamen.

21E91DDW71L__SL500_AA140_Ich freute mich, wieder Coenraad (Coen) van Houten schon im ICE auf der Hinfahrt zu begegnen. Der 87-jährige, merfache Autor und geistesgegenwärtige Volkspädagoge ist ein Pionier des Schicksalslernens und des Umgangs mit der anthroposophischen Karmaforschung. Er ist auch Schüler und Fortführer der anthroposophischen Impulse Willem Zeylmans van Emmichovens und Bernhard Lievegoeds. Coen sprach in seinem einführenden Vortrag am Freitagabend von der inneren Notwendigkeit eines künstlerischen Umgangs und einer schöpferischen Pflege des Karmagedankens, damit eine Karmakultur der Zukunft sich entwickeln kann, die dann eine Fortführung der Anthroposophie selbst befördern wird. Mit Enthusiasmus betonte Coen, dass es heute viele Wege und Methoden geben, die zu fruchtbaren Ergebnissen auf diesem Feld führen. Trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangspunkte in der Anthroposophie oder in Verhältnis zu ihr können sie sich gegenseitig ergänzen, unterstrich er.

21W19JRMVXL__SL160_AA160_In zwei Plena wurden am Samstag besonders zwei Fragestellungen der Karmaforschung und der Karmapraxis erörtert. Michael Schmock moderierte Hans Supenkämper und Heide Oehms, die ihren Kurzbeiträgen gaben zur Frage: Welche Schritte gehe ich? Hans, der einerseits Landwirt und andererseits in der weltweiten Organisation NALM (e.V.) (New Aduld Learning Movement - Bewegung für neues Erwachsenenlernen) tätig ist, erklärte wie man in einer Gruppe mit dem Schicksalsthema arbeiten kann, indem man im Rückblick auf eine konkrete Menschenbegegnung in sieben Schritten, die den klassischen Lebensprozessen wie Atmung, Verdauung usw. entsprechen, ihre Faktoren untersuchen kann. Dabei können karmische Motive auftauchen, die die Aufmerksamkeit auf die Zukunft richten lassen, sodass man nicht zuviel in der Vergangenheit hängen bleibt. Heide führt eine Praxis, die sowohl der Begleitung von Gruppen als auch der individuellen Einzelarbeit gewidmet ist. Sie beschrieb, wie man durch ein konkretes Hinwenden an geistige Wesen wie der eigene Schutzengel zu karmischen Imaginationen kommen kann. Die beliebte Autorin unterstrich dabei die fruchtbare Wechselwirkung für die Karmaerkenntnis zwischen dem, was sich in einem Gespräch über die Biographie erschließt, und den meditativen Schritten des sogenannten Bauens der imaginativen Hütte. Diese Übungsarbeit baut auf das Buch Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten von Rudolf Steiner.

3772518028KCarla van Dijk, die auch in der Methode des Schicksalslernens von Coen geschult ist, berichtete über den vornehmlichen Blick aufs Karma, der sich aus der Einbeziehung der Idee des dreigeteilten Menschen ergibt, wie Steiner sie 1917 herausarbeitete und 1924 in der sogenannten Mond-Sonne-Saturn-Karmaübung (Vortrag vom 4. Mai 1924 in Dornach) umsetzte. Der Niederländer Ate Koopmans griff in seiner praxisbetonten Fortführung der anthroposophischen Karmaforschung dieses Übungsfeld auf und entwickelte es bis zu seinem Tod 2001 weiter. Die heute sowohl in ihrer Heimat als auch in Deutschland tätige Dozentin für Sozialkunst und Erwachsenenbildung betonte die Bedeutung der Karmapraxis als eine pädagogische Praxis, in der sie auch gemalte Bilder der Teilnehmenden in die Schicksalspflege berücksichtigt.

400px-BI-bindersWährend ich den anderen Referenten zuhörte, hatte ich auf dem Boden unter dem Podiumstisch eine Büroklammer entdeckt. Carla und ich sollten unsere Beiträge der Frage „Zu welchen Ergebnissen führt der Weg?“ anpassen. Als ich drankam, nahm ich die Klammer vom Boden auf und erzählte, dass sie in Norwegisch „binders“ heißt. Das bedeutet, dass sie zwei oder mehrere Papiere verbinden kann. Dahin führt auch mein Weg der Karmapraxis: Motive miteinander zu verbinden und Gemeinschaft zu entstehen lassen. Innere Bilder und karmische Imaginationen lassen sich also mit einem auserwählten Erinnerungsmotiv zusammenbringen, indem wir ihn gemäß der sogenannten 4-tägige Karmaübung von Steiner (Vortrag vom 9. Mai 1924 in Dornach) verfolgen und geduldig abwarten. Im inneren Prozess des zeitlichen Entwicklungsgangs, der mit geistigen Gesetzen übereinstimmt, offenbart sich bei geduldigem Üben immer etwas. Ich stellte außerdem fest, dass es nach adäquaten seelischen und ethischen Vorbereitungen möglich sei, karmische Einsicht durch Geist-Erleben und höhere Erkenntnis auch geradewegs in einem meditativen Zugang zu erreichen.

Zu diesen fünf Referenten, die jeder eine Arbeitsgruppe in drei Übungssequenzen leiteten, stellte Christoph von Keyserlingk sein Beitrag hinzu: „Zur Praxis der Reinkarnationstherapie“. Im Plenum betonte Christoph, dass die bekanntlich positiven Heilungserfolge der Reinkarnationstherapie auch erfolgen, wenn der Therapeut und sein Klient den karmischen Bildern offen gegenüberstehen, ohne sie als „wahre“ karmischen Ergebnisse festzulegen. Im abschließenden Plenum berichteten einige Teilnehmer von tiefgreifenden inneren Erlebnissen und Ergebnissen, die sie in den Arbeitsgruppen bekamen. Ein mehrerer Minuten andauerndes Schweigen, wo keiner das Wort ergriff, bestätigte den bewegenden Ernst und die stille Freude, denen solches Geist-Erleben begleiten. Statt zu versuchen, das Erlebte mit unpassenden Begriffen zu formulieren, wartet man nach solchen intimen Erlebnissen eher mit seinem Bericht, bis etwas im Herzen gereift hat, kommentierte eine Teilnehmerin danach.

Gefolgt von danksagenden Worten eines Teilnehmers und vom begeisterten Applaus der Anwesenden kündete Michael (Schmock) abschließend an, dass Vorbereitungen im Gang sind, einen kommenden Forschungs- und Übungstag in NRW mit dem Thema „Das Karma des Berufs“ für 2010 zu komponieren. Auch der Wunsch an eine darauf folgende Karmakonferenz auf Bundesebene lag in der Luft, als die zufriedenen Arrangeure, Dozenten, Teilnehmer und die Journalisten u. a. des NNA und der Dornacher Wochenschrift die Blote-Vogel-Schule verließen. Ich fragte mich, ob die Tonangebenden der AGiD, der AAG und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum diese neue und zukunftsweisende Welle der Karmapraxis in der anthroposophischen Bewegung hilfsbereit unterstützen wollen – ähnlich wie es die damaligen Vorstände der internationalen Goetheanum-Konferenz im Jahre 1997 in Berlin austrugen?

Rückblickend können diese und die anderen zwei Karmakonferenzen, die vor dem Millenniumswechsel im Forum 3 in Stuttgart unter Leitung von u. a. Nothart Rohlfs veranstaltet wurden, als epochaler Anregung für Reinkarnationstherapie, Karmaarbeit, Karmapraxis und Karmaforschung gesehen werden. Seelisch und geistig gestärkt durch die Karmaidee und durch das Karmaverständnis, die beide kulturschaffend sind, würden wir mit solchen Bemühungen, für welche die in absehbarer Zeit zählenden 1 Million Unterzeichner der ELIANT-Aktion sich einsetzen, nicht nur in Brüssel sondern auch in Dornach und anderswo etwas mehr erreichen. Wenn ich die Gemeinschaft dieser vielen Unterzeichner der anthroposophischen Sache als eine anthroposophische Gesellschaft denke, dann lebt darin eine immense Kraft der Heilung und des Ordnens von Karma.

Dem schlichten Tagungsort ergänzte in unverwechselbarer Art das Georg Hotel in Witten-Annen. Mein grünes Zimmer hatte runde Formen wie andere in diesem Designhotel, wo die Ausstattung, die Naturholzmöbel, die Größe und die lasierten Farben individuell ausgearbeitet sind. Im blau-gelben, heiteren Ambiente des sogenannten Brunnenraums nahmen wir Referenten und einige der angereisten Teilnehmer das Frühstück ein. Dort konnten wir uns vor und nach dem Einsatz entspannen und Motive der sehr fruchtbaren, anderthalben Forschungs- und Übungstage in intimeren Gesprächen vertiefen.

immo-luenzerFür Immo Lünzer, Gründungsmitglied des Archivs Ökologische Agrarkultur, war das bunte Treffen „eindrucksvoll“. Er ist ein antreibender Anthroposoph, der sich sowohl ideell als auch praktisch mit dem Karmathema beschäftigt. In seinem Institut für Karma & Reinkarnationinkare – erforscht Immo zeitgemäßes Schicksalslernen und praktische Karmaarbeit. Ansonsten hat sein Institut diese Tagung durch seinen Stiftungsfonds „Karma-Kultur“ finanziell unterstützt. Immo setzt sich auch für die Bildung von Netzwerken für den Erkenntnis- und Erfahrungsaustausch ein – also für das, was Rudolf Steiner vor 85 Jahren sich von den Anthroposophen erhoffte. ■

Der Bericht wurde von Themen der Zeit und von anthromedia übernommen.


Große Illustration: Das Büroklammermonument (Bindersmonumentet) von 1989 außerhalb der früheren BI-Gebäude bei Sandvika, Oslo; derzeit demontiert. Die Büroklammer als kleiner Gebrauchsgegenstand hat viele Väter und ist vielfältig nutzbar. Das kaiserlich-deutsche Patent erhielt der Norweger Johan Vaaler im Jahr 1899. Während der deutschen Okkupation war die Büroklammer (norw. binders) ein Symbol im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Quelle: geschichte-skandinavien.suite101.de Foto: GNU FDL (cc) Lars Roede. Quelle: Wikipedia

3
Nov
2009

Tempel des Geistes – die meist verborgenen Heiligtümer der Seele

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Perugino (um 1445/1448-1523), Christus übergibt Petrus die Schlüssel. Quelle: Wikipedia

W
ir reden vom Unterbewusstsein als etwas, was wir durch normales Tagesbewusstsein kennen würden. Wir kennen es aber nur soviel, wie etwas aus dem Unbewussten zum Vorschein kommt und uns über dieses Außerbewusste indirekt informiert. Wenn es um Erinnerungen gehen, kenne ich z. B. den sehr bekannten Vorgang, dass ich nach einer bestimmten Erinnerung suche – etwa den Namen einer Person – und nicht sofort sie herholen kann. Zuerst wenn ich nicht mehr dringlich direkt auf das Gedächtnis, wo ich weiß, dass sie ‚schlummert’, hinziele, kann ich mich etwas erinnern. Gehe ich nun einpaar äußerliche Schritte, taucht meistens wieder der Name auf, der ‚auf der Zungenspitze’ lag. Wir können solche subjektiven Seelenvorgänge beobachten und mit ihnen auch meditativ übend umgehen, sodass „schlummernde Seelenfähigkeiten“ (Rudolf Steiner) entwickelt werden, die wir für höhere Bewusstseinszustände benötigen.

Die sogenannte anthroposophische Meditation, die er schuf, befasst sich sowohl mit Erinnerungen, die auf das physische Leben zurückzuführen sind, als auch mit Motiven, die von der äußeren Welt losgelöst sind. Das sind z. B. Sinnbilder wie das Rosenkreuz, dessen meditativen Handhabung Steiner im Buch Die Geheimwissenschaft im Umriß (im Kapitel Die Erkenntnis der höheren Welten, GA 13) beschrieben hat. Sie können in ihren einzelnen Bestandteilen gewiss auf physische Tatsachen zurückgehen. In der Meditation können sie aber in einer neuen, freien Kombination handhabt werden. Wenn ich über sie und mit ihnen wiederkehrend meditativ verweile, alsdann die daraus entstandenen inneren Bilder immer wieder auslösche und erneut aufbaue, werden die Seelenfähigkeiten erweckt, die für die erste Stufe des höheren Bewusstseins, das imaginative Erkenntnis, nötig sind. Gerade auf das Auslöschen und auf die Neugestaltung des Imaginierten kommt es an. Steiner betonte, dass es auf den Inhalt der Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, nicht ankommt, sondern auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben herangebildet wird.

Nichtsdestotrotz gibt es innere Bilder oder Imaginationen, die wir quasi behalten dürfen. Ich muss sie also nicht während der Meditation wegschaffen, um die geistige Objektivität zu erlangen. Rudolf Steiner schreibt: „Eine Ausnahme von dieser Möglichkeit des Auslöschens macht nur eine Gruppe von inneren Bilderlebnissen, die auf der erlangten Stufe der Geistesschulung nicht [Betonung von Steiner. JS] auszulöschen ist. Diese entspricht dem eigenen Seelen-Wesenskerne; und der Geistesschüler erkennt in diesen Bildern dasjenige in ihm selber, welches sich als sein Grundwesen durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem Punkte wird das Erfühlen von wiederholten Erdenleben zu einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles übrige muß die erwähnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst, nachdem man die Fähigkeit der Auslöschung erlangt hat, tritt man an die wirkliche geistige Außenwelt heran. An Stelle des Ausgelöschten kommt ein anderes, in dem man die geistige Wirklichkeit erkennt.“

Als Sinnbild für das geistige Grundwesen des Menschen, das durch Reinkarnation und Karma sich seelisch vervollkommnen kann, können wir ein leuchtender Stern nehmen. Die wirklichen Sterne am Firmament sind geistig betrachtet keine gigantischen Detonationskörper sondern Götterwohnungen. In der sogenannten 11. Klassenstunde – das Rudolf Steiner am 2. Mai 1924 gab, während er einleitend vom Todesfall der außergewöhnlichen künstlerisch und in der Esoterik tätig gewesenen Mitarbeiterin Edith Maryon berichtete – beschrieb er den Zusammenhang zwischen dem Ich als geistige Wesenskern mit der ganzen Menschennatur, der meditativ entdeckt werden kann als nichts anderes als ein Tempel der geistigen Hierarchien, mit denen man in innerer Zwiegespräch stehen kann. (Vgl. Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, 2. Band, GA 270/I-IV, Dornach 1999) Das meditative und mantrische Gut dieser von Steiner gegründeten esoterischen und heute weltweiten Hochschule mit dem Zentralsitz in Dornach ist seit bald 20 Jahren öffentlich zugänglich. Während 25 Jahre bis 2000 war ich selbst Mitglied derselben und genoss bis dahin die Möglichkeit, sowohl individuell als auch in Arbeitsgruppen Steiners Lehrinhalte in Einvernehmen mit der Hochschulleitung zu vertiefen. Teilweise verbunden mit dem meditativen Üben dieser aber auch durch das Meditieren anderer anthroposophischen Inhalte erfuhr ich den Wahrheitsgehalt der Tempel des Geistes, mit denen „das Erfühlen“ und die Erkenntnis „von wiederholten Erdenleben“ verbunden waren und sind.

Eine Teilnahme oder eine Mitgliedschaft in der esoterischen Kooperation der Anthroposophen sei nicht unentbehrlich, um in ein geistiges Tempel Zutritt zu finden, auch wenn eine derartige Vorbereitung im individuellen Fall gewiss befördernd sein kann, sofern die darin eventuell existierenden Rangsysteme und Doktrinen den individuellen esoterischen Pfad nicht durchkreuzen. Die Worte Rudolf Steiners in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (GA 10, Kap. Bedingungen) – das vor genau 100 Jahren zum ersten Mal in Deutschland als Buch verlegt wurde; eine englische und eine norwegische Ausgabe erschienen schon 1908 – dürften noch heute volle Gültigkeit haben für jeden Geistesschüler:

„Es hat, seit es ein Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung gegeben, durch die solche, die höhere Fähigkeiten hatten, denen Anleitung gaben, die ebensolche Fähigkeiten suchten. Man nennt solche Schulung Geheimschulung; und der Unterricht, welcher da empfangen wird, heißt geheimwissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. […] Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Richtung ist mit unauslöschbaren, ewigen Buchstaben vorgezeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten die höheren Geheimnisse behüten. In alten Zeiten, die vor unsrer ‚Geschichte’ liegen, waren die Tempel des Geistes auch äußerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungeistig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, die dem äußeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig überall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden.“

Ehe man ein solches Tempel des Geistes gefunden hat, kann man sich darauf vorbereiten, indem ein Gesamtbild eines Tempels mit allen Bestandteilen des Außenraums und des Interieurs in der Meditation quasi erbaut wird. Man kann von bekannten architektonischen und künstlerischen Elementen und von geographischen Ortschaften ausgehen, ohne deswegen sich in Details zu verlieren. Schließlich geht es darum, die gewählten Vorstellungen in den Charakter der Sinnbilder umzuformen. Das Erleben des Äußeren auf diesem imaginären Ort bis zu dessen Himmel, das Erleben des ganzen Umfeldes bis zum Horizont kann quasi ‚abgelauscht’ werden. Die ideellen Innenräume können auch ‚gehört’ werden. Der geistige Hintergrund des Tönens, das einem aus dem eigenen intimen Inneren zukommen kann, wenn solche Sinnbilder aufgebaut und wieder gelöscht werden, ist die Tätigkeit zunächst des eigenen Engels und später die der höheren Hierarchien.

Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von einem ideellen Geschehen, wo die Meditation zu etwas wird, was jenseits des intellektuellen Denkens, des subjektiven Fühlens und des bürgerlichen Wollens geschieht. In einer solchen Tempelarbeit „umwebt, umschwebt, umschwirrt, umströmt und umstrahlt“ – so Rudolf Steiner – uns die geistige Welt selbst. Falls ein Eingeweihter, der in einem geistigen Tempel zuhause ist, dem Geistesschüler dort empfängt, geschieht dies nicht durch den Zuruf des irdischen, bürgerlichen Namens der Persönlichkeit sondern durch den ewigen Geistnamen der Individualität, die dort ‚registriert’ ist. Während meines zweiten Russlandsaufenthalts Ende Oktober 2009 standen die Suche geistiger Tempel und das ideelle Üben daran im Mittelpunkt der meditativen Karmaarbeit mit den Teilnehmern aus Jaroslawl, aus Moskau, aus St. Petersburg und aus Waldai. ■
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