13
Jul
2009

Wohlriechendes Wesen

Codex_Durlach_2_Jesus_und_SoldatenW
enn ich meditativ die Situation erreicht habe, im reinen Geist zu verweilen, und in einer Begegnung mit einem anderen Wesen mich befinde, wie erkenne ich, dass dieses Wesen mir wohlgesinnt ist? Wie unterscheide ich zwischen Wesen und Wesen? Wie erscheint Luzifer, wie erscheint Ahriman in meinem höheren Bewusstsein? Es besteht beispielsweise die Situation nach einer karmischen Erkenntnis über mich selbst, die mehrere Sequenzen aus einer früheren Inkarnation in Ägypten imaginativ zeigte, aber auch einige Rätsel hinterließ, sodass ich einen größeren Zusammenhang verfolgen will, die den Bezug zur Gegenwart erhellen könnte. Zunächst lassen sich keine weiteren Imaginationen erbilden. Ich gerate stattdessen in einen beunruhigenden inneren Dunkel, der mich quasi empfiehlt, die Meditation zu beenden. Was liegt dabei vor? Ist es ein Ausdruck der sogenannten Hüter der Schwelle, der mich vor der harten Erkenntnis des Karmas beschützt? Mich anbietet, meine Fragen zu überdenken, sie von aller Egoismus zu befreien?

Würde ich aus der meditativen Tätigkeit abspringen, würde ich wahrscheinlich lange Zeit eine Antwort schuldig bleiben. Nur wenn ich im Ringen mit dem aufgekommenen Zweifel mich nicht beirren lasse, und die Intention der Karmaforschung eisern fortsetze, ohne ein Ergebnis bekommen zu wollen – also den goldenen Regel des Geistesschülers zusage, dass ich keinesfalls etwas wünsche, bevor ich eine Wahrheit auf einem Gebiet erkannt habe –, sondern meinen Willen als Licht um mich im Dunkel ausbreite, wird es mir gelingen, das Wesen zu erkennen. Weil ich in demselben Moment auch den geistigen Gesetz denken kann, dass nur Christus – oder ein Wesen, das ihm verbunden ist – mir ein wahres Karmaerkenntnis schenkt, und ich in dieser Ohnmacht nicht erstarre, sondern emphatisch und empfänglich werde, wird mein Ich-Wesen quasi ‚wohlriechend’ für andere Wesen. Für Wesen, die dem Herr des Karmas wohl wollend sind und denen er zugeneigt ist, ist dieser ‚Duft’ angenehm, für andere Wesen nicht. Sie müssen davor quasi entfliehen.

Es obliegt dem Hüter der Schwelle, Ahriman für uns in der sinnlichen Welt möglichst stark unsichtbar zu halten, sodass wir nur dasjenige zur Bewahrung des Augenblicks für die Ewigkeit entfalten, was in unseren menschlichen Kräften liegt. Wenn wir uns für die wertvollen Schätze der Zeitlichkeit von Ahriman helfen lassen, so ist das gut, sagte Rudolf Steiner. Das bedeutet, dass er ‚sichtbar’ werden sollte, wenn wir ihn übersinnlich begegnen. Aber Ahriman läuft vor der Witterung des inneren Menschen davon? Wie? Er verlässt die Bühne wie in sich selbst aufgehend, als würde er sich aus dem Umkreis verkleinernd in einem Punkt auflösen. Gleichzeitig bewirkt die wohltuende Anwesenheit Christi, die aber nicht unbedingt imaginativ erscheinen muss, dass da wo Ahriman vorhanden war, aber sich im Dunkel verbarg, eine neue karmische Erkenntnis – wie einen Sonnenaufgang – aufgeht.

Die Frostigkeit Ahrimans, die noch als Nachempfindung furchterregend sein würde, lässt sich als Rahmenbedingung der aufgehenden Schau des früheren Lebens benutzen. Setze ich sein starres Konformitätsstreben als meine Formkraft ein, erhält die Karmaforschung einen nüchternen Boden, der mich vor der luziferischen Gefahr des Aufgehens, des Hochmuts im Umgang mit den neuen Erkenntnissen bewahrt. Die Erkenntnisimaginationen verlieren im Normalbewusstsein alsbald ihren starken ‚Duft’ und ihre prächtigen ‚Farben’. Stattdessen erwächst ihr Potenzial als ‚trockene’ Palette für neue Erforschungen, aber ich muss deswegen nicht den Teufel an die Wand malen.

Bild: Jesus und die zu Boden gestürzten Soldaten. Im Gebetsbuch der Markgräfin von Brandenburg, um 1520. Codex Durlach 2, Manuscript in der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe. Quelle: Wikimedia
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