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1
Okt
2009

Mut hoch für sozialen Fortschritt!

E
s könnte das Motto von Max von Oppenheim „Kopf hoch! Mut hoch! und Humor Hoch!“ ein zukunftsweisender Ideal sein. Nicht nur für jeden Einzelnen sondern für Menschen, die etwas zusammen tun wollen, sei es auf welchem Gebiet auch immer, aber besonders in der Politik, wo nach der letzten deutschen Bundeswahl in vieler Hinsicht sozialer Neuanfang angesagt ist. Der deutsche Diplomat, Orientalist und Amateurarchäologe Oppenheim entdeckte 1899 den Siedlungshügel und Ruinenhügel Tell Halaf in Nordostsyrien. Für seine Ausgrabungen und Forschungen gründete er eine Stiftung, die in Berlin-Charlottenburg zwischen den Weltkriegen das Tell Halaf-Museum errichtete. Es wurde 1943 durch einen Luftangriff total zerstört. Exponate aus Holz, Kalkstein und Gips verbrannten restlos. Oppenheim sorgte dafür, dass die Trümmerreste geborgen und in das Kellergewölbe des Pergamonmuseums gebracht wurden. Sie galten als nicht restaurierbar und gerieten in Vergessenheit. Seit 2005 werden diese Bestände jedoch neu gesichtet und katalogisiert. Dabei werden in akribischer Feinarbeit tausende von Bruchstücken zu teilweise monumentalen Bildwerken neu zusammengesetzt. 2010 wird es im Pergamonmuseum eine Sonderausstellung rund um das Thema Tell Halaf geben. Max von Oppenheims Leitspruch scheint also für seine eigenen fast vergessenen archäologischen Leistungen eine Gültigkeit bekommen zu haben.

Die deutsche Sozialdemokratie liegt inzwischen auch in Trümmern. Jedenfalls schreibt die FAZ am 30. September nach der Wahlniederlage der SDP, dass „das 23-Prozent-Wahlergebnis […] wie ein Tsunami, dem nichts standzuhalten ist“, ähnelt: „Müntefering wurde weggespült, Finanzminister Steinbrück konnte sich nicht halten, SPD-Generalsekretär Heil ohnehin nicht...“ Viele Kommentatoren der letzten Tage sehen diese Niederlage als das letzte Glied in einer Kette von Desastern. Die dänische Tageszeitung Politiken schreibt:

„Die Sozialdemokratie in Europa steckt in einer tiefen Identitätskrise, die weit über Landesgrenzen, taktische Fragen und Personen hinausgeht… Ursache für das Fiasko ist der Verlust des sozialen Profils. Dabei geht es um die Austarierung von Wohlstand und Wohlfahrt, bei der die Sozialdemokraten in den neunziger Jahren die Wirtschaftspolitik der Bürgerlich-Liberalen übernommen hatten… Es gibt keinen anderen Ausweg als die Balance zwischen einem schärferen sozialen Profil und neuem Reformwillen. Damit würde eine deutliche Kante gegenüber den Rechtsregierungen gezogen. Der derzeitige Niedergang zeigt den Bedarf an Erneuerung.“

SPD braucht einen neuen Führungsstil, kommentiert auch der in Berlin and Cambridge lebende freie Journalist Leonard Novy:

„Ein Neustart in Ton und Stil fehlte bereits im Wahlkampf, der auf viele autistisch-trotzig wirkte. Die SPD braucht eine neue Führung und muss lernen, dass politische Kommunikation Zuhören verlangt.“ Keine akribische Feinarbeit jedoch wird die politischen Bruchstücke der altbewährten SPD zu einem neuen monumentalen Bildwerk – sprich Volkspartei – neu zusammensetzen können. Der 1986 auf offener Straße ermordete, schwedische Sozialdemokrat und zweimaliger Ministerpräsident Schwedens, Olof Palme, war noch sehr stolz, ein sozialdemokratischer Sozialist zu sein, weil „es um Solidarität und Umsicht zwischen Menschen handelt“. (In seiner schwedischen Originalrede heißt es: För det handlar om solidaritet och omtanke människor emellan.)

In einer Diskussion über die letzten Schachzüge in der deutschen Bundespolitik an der Theke nach unserer gestrigen Singstunde im Männerchor äußerte ein lokaler Sozialdemokrat, dass es in der Politik nur ums Geld ginge: „Was sonst? Man muss gucken, auf welchem Gebiet man noch etwas einsparen und wo noch jemand etwas mehr bezahlen könnte oder müsste!“ Politik wäre dann nur mit der Handhabung von Budgets und Geldmitteln gleichzusetzen. Der Politikbegriff bezeichnet traditionell jedoch eine umsichtige Verhaltensweise, die innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel hinschaut. Besonders wird damit die Gestaltung der Weltordnung bezeichnet. Allerdings gibt es bis heute keine Einigkeit unter Politikwissenschaftlern und Politikern darüber, ob Macht, Freiheit, Frieden, Demokratie, Konsens, Kampf usw. die Hauptkategorie der Politik ausmachen:

„Politik ist das Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung…“ Max Weber, 1919

„Politische Wissenschaft ist die Wissenschaft von der Freiheit.“ Franz Leopold Neumann, 1950

„Der Gegenstand und das Ziel der Politik ist der Friede […] der Friede ist die politische Kategorie schlechthin.“ Dolf Sternberger, 1961

„Praktisch-kritische politische Wissenschaft zielt auf eine politische Theorie, die die Befunde der Gesellschaftskritik integriert. Im Begriff der Demokratie gewinnt sie einen Leitbegriff für die Analyse der politisch relevanten Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft.“ Jörg Kammler, 1968

„Politik ist die Gesamtheit aller Aktivitäten zur Vorbereitung und Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugute kommender Entscheidungen.“ Thomas Meyer

„Politik ist der Kampf um die Veränderung oder Bewahrung bestehender Verhältnisse.“ Christian Graf von Krockow, 1976

Wie eine Ironie des Schicksals spülte fast gleichzeitig mit dem deutschen sozialdemokratischen Misserfolg ein realer Tsunami über die Strände von Samoa und anderen Inseln des Stillen Ozeans. Welches Zuhören würde denn in der globalen Kommunikation, in der Kommunikation mit der Erde, mit dem Kosmos fehlen? Da ja die Anthroposophie vermutet, dass Naturkatastrophen wie Tsunamis, die von Erdbeben am Meeresboden verursacht sind, eine karmische Ursache des überdimensionierten Materialismus unter Menschen sei!

Max von Oppenheim war sehr beliebt unter der einheimischen islamischen Bevölkerung des Nahen Ostens, weil er ihrer Sprache und Kultur sich quasi einverleibte entgegen den damaligen Abgrenzungsgepflogenheiten der dort ansässigen und zuständigen europäischen Diplomaten und Kulturarbeiter. Er gab gut Acht an die Möglichkeiten und Notlagen des Ortes und konnte die Gunst des Augenblicks ausnutzen. Oppenheims Anliegen des „guten Zuhörens“ bezüglich fremder Kultur und die Meinungen anderer drücken sich durch seine eigenen Worte aus: „Mit Forschungs- und wissenschaftlichen Instituten ähnlicher Art im In- und Auslande sowie mit deutschen und fremden Gelehrten soll Fühlung und Verbindung angestrebt werden.“

Ein solches sich Einfühlen können und sich Verbinden wollen ist auch ein Bestandteil der Idee des von Rudolf Steiner formulierten sogenannten sozialen Hauptgesetz, der besagt, dass im sozialen Zusammenleben der Impuls zur Arbeit niemals bei einem selbst sondern nur in der Hingabe für alle liegen muß:

„Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“

Eine der Formulierungen, mit denen Steiner das soziale Hauptgesetz ausführlicher beschrieb, lautet wie folgt:

„In einem sozialen Zusammenleben muß der Antrieb zur Arbeit niemals in der eigenen Persönlichkeit des Menschen liegen, sondern einzig und allein in der Hingabe für das Ganze. - Das wird auch öfter betont, aber niemals so verstanden, dass man sich klar ist, dass Elend und Not davon kommen, dass der einzelne das, was er erarbeitet, für sich entlohnt haben will. Wahr ist es aber, dass wirklicher sozialer Fortschritt nur möglich ist, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, Im Dienste der Gesamtheit tue, und wenn die Gesamtheit mir selbst dasjenige wiedergibt, was ich nötig habe, wenn, mit anderen Worten, das, was ich arbeite, nicht für mich selber dient. Von der Anerkennung dieses Satzes, dass einer das Erträgnis seiner Arbeit nicht in Form einer persönlichen Entlohnung haben will, hängt allein der soziale Fortschritt ab." (In einem Vortrag vom 2. März 1908 in: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54, Dornach 1966, Seite 99)

Für Steiner war das Politische in der Geschichte ein „sekundäres Produkt“. Er behauptete, dass die Politik der in das Geistige übertragene moderne Krieg sei. Ähnliche Machtverhältnisse wie sie im Militärsystem existieren - und für den Fortbestand der bewaffneten Staatsmacht wohl da sein müssen -, hätten sich in der Politik auf das soziale Leben übertragen. Seit seiner Zeit haben sich die parteipolitischen und demokratischen Stile einiges zum Besseren und zum Freiheitlicheren im modernen Rechtsstaat entwickelt. Nichtsdestotrotz ist es interessant zu beobachten, wenn eine Partei die Gunst der Wähler nicht erreicht, dass es sofort in personellen Kategorien gedacht werden. Wer muss gehen? Wer soll übernehmen? Wie können die Aufgaben neu verteilt werden? Wenn aber ein Regierungswechsel bevorsteht, ist es Konsens, dass, es erstens um die Sachfragen geht, zweitens kommt die Verteilung der Ministeriumsportfolien auf die Tagesordnung, und, dass eventuell neue geschaffen werden sollen, und drittens können konkrete Minister herantreten.

Geschichte ist, aus einem spirituellen Gesichtspunkt gesehen, wenn geistige Impulse und zwar auch diejenigen der Verstorbenen sich positiv hineinspielen lassen in das politische und kulturelle Geschehen. Es muss nicht diejenigen Kulturträger, die hierzulande gelebt haben, die sich dementsprechend hier wieder hereinschalten, sondern es können Menschenseelen sein, die auf der anderen Seite der Erde lebten, die sich nun vorbereiten, bei uns sich zu inkarnieren, indem sie schon an den aktuellen Ereignissen indirekt teilnehmen. Ein Handeln in Gemeinschaft mit den Verstorbenen bräuchte besonders die Wachheit, den Mut und das stille Humor des sich Einlebens in feinen, intimen Seelengesinnungen, die normalerweise im politischen Leben verpönt sind. Sich Vergegenwärtigen den kulturellen und politischen Bemühungen von z. B. Max von Oppenheim und Olof Palme, würden Ideen und kulturelle Fragmente sammeln und verbinden, die wir bräuchten, um eine friedensstiftende globale Sozialkultur weiter zu entwickeln.

Ob die Mitglieder der traditionellen Volksparteien wie die SPD dabei eine künftige Rolle innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft spielen wird, oder ob andere Parteien und Interessegemeinschaften die Gesellschaftsführung prägen werden, steht – wenn überhaupt – in den Sternen geschrieben. Ob irgendwelche Repräsentanten unter den Anthroposophen und deren Gleichgesinnten z. B. bei den Violetten, in der kommenden Legislaturperiode schaffen, politisches Gehör in Deutschland zu bekommen, seien sie auch sehr politisch klaräugig und zeitgemäß durchs Vertreten der Idee des Grundeinkommens, bleibt genau so offen. ■
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