Waren Jens Bjørneboe und seine anthroposophischen Freunde während der Naziokkupation von Norwegen zur Kollaboration bereit?
Ein Abriss der aktuellen Streit zwischen Akademiker und Anthroposophen von Jostein SætherS
eit dem Mammutwerk Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945 (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007) vom deutschen Historiker und katholischen Theologen Helmut Zander ist anthroposophische Theorie und Tun nicht mehr vom akademischen Diskurs wegzudenken. Nicht nur im deutschsprachigen Raum werden Studien angefangen und entstehen Kontroverse zwischen anthroposophischen Protagonisten und deren Kritikern, die auf Zanders Thesen bauen, sondern auch in Skandinavien. Besonders fleißig wird untersucht, wie die mit Namen genannten Anthroposophen sich während der nationalsozialistischen Ära verhielten, um eventuell zu dem Urteil zu kommen, dass die Anthroposophie oder Teile davon entgegen ihrem Selbstbild als rechtsextreme Weltanschauung geächtet werden könnte.
Es ist belegt worden, dass unter etwa 300 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen (AGiN) nur 3 Anthroposophen der faschistischen Partei National Samling – die durch ihren Führer Vidkun Quisling während des zweiten Weltkriegs ein Teil der politischen Macht mit der deutschen Besatzungsmacht besaßen – als Mitglieder beitraten. Es wird behauptet, dass die vergleichende Quote in anderen Ländern viel höher gewesen sei. Ich kannte persönlich einen seit mehreren Jahren verstorbenen Anthroposophen, der sogar vorübergehend als Quislings Privatchauffeur in Oslo arbeitete, der nach meiner Kenntnis aber nie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wurde. Es ist überaus denkbar, dass es außer den Anthroposophen, die Mitglieder waren, noch weitere Personen gaben, die Sympathisanten mit den nationalsozialistischen Ideen gewesen wären, auch wenn dies im Nachhinein nicht mehr belegt werden könnte. Aber Briefe und Dokumente könnten noch weiterhin auftauchen.
Indessen gerieten norwegische Anthroposophen wie Sam Ledsaak, Arne Smit und Olaf Stuhaug damals u. a. wegen ihrer öffentlichen Kritik an die nationalsozialistischen Tendenzen in deutsche Gefangenschaft; andere wurden Widerstandskämpfer wie der spätere Filmforscher und Schriftsteller Willy Buzzi, den ich in Schweden persönlich kannte und der mir über die Sabotagetätigkeit seiner Gruppe in Trondheim erzählte. Einige, wie der spätere Vorsitzende der AGiN Sophus Claussen, deckten berühmte Widerstandskämpfer auf. Darunter auch den Saboteur und Unterleutnant Gregers Gram, der kein Anthroposoph war. Viele flüchteten nach Schweden, wie der damals 23jährige und später berühmte, aber umstrittene Waldorflehrer, Schriftsteller und Dramatiker Jens Bjørneboe (1920–1976). Gerade ist in Norwegen der Streit um Bjørneboe wieder ausgebrochen wegen des Erscheinens des ersten Teils einer umfassenden Biographie über ihn vom Osloer Literaturprofessor Tore Rem genannt Sin egen herre (Sein eigener Herr), herausgegeben vom Verlag Cappelen Damm, Oslo 2009.
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Illustration: Jens Bjørneboe, © Marvin Halleraker
Freelancer - 13. Okt, 15:10
