Tempel des Geistes – die meist verborgenen Heiligtümer der Seele
Perugino (um 1445/1448-1523), Christus übergibt Petrus die Schlüssel. Quelle: Wikipedia
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ir reden vom Unterbewusstsein als etwas, was wir durch normales Tagesbewusstsein kennen würden. Wir kennen es aber nur soviel, wie etwas aus dem Unbewussten zum Vorschein kommt und uns über dieses Außerbewusste indirekt informiert. Wenn es um Erinnerungen gehen, kenne ich z. B. den sehr bekannten Vorgang, dass ich nach einer bestimmten Erinnerung suche – etwa den Namen einer Person – und nicht sofort sie herholen kann. Zuerst wenn ich nicht mehr dringlich direkt auf das Gedächtnis, wo ich weiß, dass sie ‚schlummert’, hinziele, kann ich mich etwas erinnern. Gehe ich nun einpaar äußerliche Schritte, taucht meistens wieder der Name auf, der ‚auf der Zungenspitze’ lag. Wir können solche subjektiven Seelenvorgänge beobachten und mit ihnen auch meditativ übend umgehen, sodass „schlummernde Seelenfähigkeiten“ (Rudolf Steiner) entwickelt werden, die wir für höhere Bewusstseinszustände benötigen.
Die sogenannte anthroposophische Meditation, die er schuf, befasst sich sowohl mit Erinnerungen, die auf das physische Leben zurückzuführen sind, als auch mit Motiven, die von der äußeren Welt losgelöst sind. Das sind z. B. Sinnbilder wie das Rosenkreuz, dessen meditativen Handhabung Steiner im Buch Die Geheimwissenschaft im Umriß (im Kapitel Die Erkenntnis der höheren Welten, GA 13) beschrieben hat. Sie können in ihren einzelnen Bestandteilen gewiss auf physische Tatsachen zurückgehen. In der Meditation können sie aber in einer neuen, freien Kombination handhabt werden. Wenn ich über sie und mit ihnen wiederkehrend meditativ verweile, alsdann die daraus entstandenen inneren Bilder immer wieder auslösche und erneut aufbaue, werden die Seelenfähigkeiten erweckt, die für die erste Stufe des höheren Bewusstseins, das imaginative Erkenntnis, nötig sind. Gerade auf das Auslöschen und auf die Neugestaltung des Imaginierten kommt es an. Steiner betonte, dass es auf den Inhalt der Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, nicht ankommt, sondern auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben herangebildet wird.
Nichtsdestotrotz gibt es innere Bilder oder Imaginationen, die wir quasi behalten dürfen. Ich muss sie also nicht während der Meditation wegschaffen, um die geistige Objektivität zu erlangen. Rudolf Steiner schreibt: „Eine Ausnahme von dieser Möglichkeit des Auslöschens macht nur eine Gruppe von inneren Bilderlebnissen, die auf der erlangten Stufe der Geistesschulung nicht [Betonung von Steiner. JS] auszulöschen ist. Diese entspricht dem eigenen Seelen-Wesenskerne; und der Geistesschüler erkennt in diesen Bildern dasjenige in ihm selber, welches sich als sein Grundwesen durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem Punkte wird das Erfühlen von wiederholten Erdenleben zu einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles übrige muß die erwähnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst, nachdem man die Fähigkeit der Auslöschung erlangt hat, tritt man an die wirkliche geistige Außenwelt heran. An Stelle des Ausgelöschten kommt ein anderes, in dem man die geistige Wirklichkeit erkennt.“
Als Sinnbild für das geistige Grundwesen des Menschen, das durch Reinkarnation und Karma sich seelisch vervollkommnen kann, können wir ein leuchtender Stern nehmen. Die wirklichen Sterne am Firmament sind geistig betrachtet keine gigantischen Detonationskörper sondern Götterwohnungen. In der sogenannten 11. Klassenstunde – das Rudolf Steiner am 2. Mai 1924 gab, während er einleitend vom Todesfall der außergewöhnlichen künstlerisch und in der Esoterik tätig gewesenen Mitarbeiterin Edith Maryon berichtete – beschrieb er den Zusammenhang zwischen dem Ich als geistige Wesenskern mit der ganzen Menschennatur, der meditativ entdeckt werden kann als nichts anderes als ein Tempel der geistigen Hierarchien, mit denen man in innerer Zwiegespräch stehen kann. (Vgl. Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, 2. Band, GA 270/I-IV, Dornach 1999) Das meditative und mantrische Gut dieser von Steiner gegründeten esoterischen und heute weltweiten Hochschule mit dem Zentralsitz in Dornach ist seit bald 20 Jahren öffentlich zugänglich. Während 25 Jahre bis 2000 war ich selbst Mitglied derselben und genoss bis dahin die Möglichkeit, sowohl individuell als auch in Arbeitsgruppen Steiners Lehrinhalte in Einvernehmen mit der Hochschulleitung zu vertiefen. Teilweise verbunden mit dem meditativen Üben dieser aber auch durch das Meditieren anderer anthroposophischen Inhalte erfuhr ich den Wahrheitsgehalt der Tempel des Geistes, mit denen „das Erfühlen“ und die Erkenntnis „von wiederholten Erdenleben“ verbunden waren und sind.
Eine Teilnahme oder eine Mitgliedschaft in der esoterischen Kooperation der Anthroposophen sei nicht unentbehrlich, um in ein geistiges Tempel Zutritt zu finden, auch wenn eine derartige Vorbereitung im individuellen Fall gewiss befördernd sein kann, sofern die darin eventuell existierenden Rangsysteme und Doktrinen den individuellen esoterischen Pfad nicht durchkreuzen. Die Worte Rudolf Steiners in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (GA 10, Kap. Bedingungen) – das vor genau 100 Jahren zum ersten Mal in Deutschland als Buch verlegt wurde; eine englische und eine norwegische Ausgabe erschienen schon 1908 – dürften noch heute volle Gültigkeit haben für jeden Geistesschüler:
„Es hat, seit es ein Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung gegeben, durch die solche, die höhere Fähigkeiten hatten, denen Anleitung gaben, die ebensolche Fähigkeiten suchten. Man nennt solche Schulung Geheimschulung; und der Unterricht, welcher da empfangen wird, heißt geheimwissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. […] Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Richtung ist mit unauslöschbaren, ewigen Buchstaben vorgezeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten die höheren Geheimnisse behüten. In alten Zeiten, die vor unsrer ‚Geschichte’ liegen, waren die Tempel des Geistes auch äußerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungeistig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, die dem äußeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig überall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden.“
Ehe man ein solches Tempel des Geistes gefunden hat, kann man sich darauf vorbereiten, indem ein Gesamtbild eines Tempels mit allen Bestandteilen des Außenraums und des Interieurs in der Meditation quasi erbaut wird. Man kann von bekannten architektonischen und künstlerischen Elementen und von geographischen Ortschaften ausgehen, ohne deswegen sich in Details zu verlieren. Schließlich geht es darum, die gewählten Vorstellungen in den Charakter der Sinnbilder umzuformen. Das Erleben des Äußeren auf diesem imaginären Ort bis zu dessen Himmel, das Erleben des ganzen Umfeldes bis zum Horizont kann quasi ‚abgelauscht’ werden. Die ideellen Innenräume können auch ‚gehört’ werden. Der geistige Hintergrund des Tönens, das einem aus dem eigenen intimen Inneren zukommen kann, wenn solche Sinnbilder aufgebaut und wieder gelöscht werden, ist die Tätigkeit zunächst des eigenen Engels und später die der höheren Hierarchien.
Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von einem ideellen Geschehen, wo die Meditation zu etwas wird, was jenseits des intellektuellen Denkens, des subjektiven Fühlens und des bürgerlichen Wollens geschieht. In einer solchen Tempelarbeit „umwebt, umschwebt, umschwirrt, umströmt und umstrahlt“ – so Rudolf Steiner – uns die geistige Welt selbst. Falls ein Eingeweihter, der in einem geistigen Tempel zuhause ist, dem Geistesschüler dort empfängt, geschieht dies nicht durch den Zuruf des irdischen, bürgerlichen Namens der Persönlichkeit sondern durch den ewigen Geistnamen der Individualität, die dort ‚registriert’ ist. Während meines zweiten Russlandsaufenthalts Ende Oktober 2009 standen die Suche geistiger Tempel und das ideelle Üben daran im Mittelpunkt der meditativen Karmaarbeit mit den Teilnehmern aus Jaroslawl, aus Moskau, aus St. Petersburg und aus Waldai. ■
Freelancer - 3. Nov, 20:38
