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6
Okt
2009

Politik der Paranoia

453px-Holbein-ErasmusSüß scheint der Krieg nur dem Unerfahrenen.

Erasmus von Rotterdam (1465-1536)

















Erasmus von Rotterdam gemalt von Hans Holbein dem Jüngeren (1523). Quelle: Wikipedia

N
icht nur unsere europäischen Gesellschaften sondern fast jeder Staat oder jede Nation bauen auf einer Kriegs- und Gewaltkultur. Heute 20 Jahre nach dem gewaltfreien Revolution im Osten Deutschlands, das zum Mauerfall führte, und 60 Jahre Bundsrepublik, in welcher die sogenannten Schwarz-Gelben etwa die halbe Zeit die Bundesregierung bekleideten, können wir uns fragen, wie ein politisches Denken, das Gewalt in vielen Formen akzeptiert, hinterfragt werden könnte oder auch schon wird. Ein solches Unterfangen ist aufwendig. Dabei müsste vor allem solche Gesichtspunkte, die in der Konflikt- und Friedensforschung entwickelt worden sind, berücksichtigt werden. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist der norwegische Mathematiker, Soziologe und Politologe Johan Galtung.

Er münzte den Ausdruck „Politik der Paranoia“, welcher eine Politik bedeutet, der ja auch die meisten demokratischen Parteien bewusst oder weniger bewusst folgen, wo versucht wird, zugespitzt gesagt, die nationale Gemeinschaft durch den Gedanken „Aggression nach außen, Zusammenhalt nach innen“ herzustellen. In einem aus dem Englischen übersetzten Aufsatz von 2004 zeigt Johan Galtung Wege auf, wie die direkte, konkret sichtbare Gewaltanwendung in konfliktgefüllten Gesellschaften und Regionen zu einem rühmlichen Ende kommen könnte. Seine erhellende Gesichtspunkte und pragmatische Strategien könnte und müsste beachtet werden, wenn nach der neuen deutschen Regierungsbildung die Verteidigungs- und Außenpolitik im Allgemeinen und der Afghanistan-Einsatz im Besonderen überdacht werden soll. ■

Johan Galtung | Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen. Über sichtbare und unsichtbare Folgen der Gewalt

Gewalt ist ausgeübt worden, und zwar in der kollektiven Form eines Krieges, an dem eine oder mehrere Regierungen beteiligt waren, oder in der Familie oder auf der Straße. Sichtbarer Schaden in materieller und somatischer Hinsicht häuft sich. Die teilnehmenden Parteien und auch die Außenstehenden beklagen dies. Doch dann lässt die Gewaltanwendung nach: Den Krieg führenden Parteien sind die materiellen und nichtmateriellen Ressourcen ausgegangen; die Parteien nähern sich in ihrer Einschätzung des endgültigen Resultates einander an, man hält weitere Gewaltanwendung für leichtfertig und sinnlos; oder es intervenieren außenstehende Parteien, um die Gewaltanwendung zu stoppen, um, aus welchen Gründen auch immer, den Frieden zu erhalten; vielleicht wollen sie einen Sieg der Partei verhindern, der ihre Sympathie nicht gehört. Ein Waffenstillstand (armistice, cease-fire, cese al fuego) wird geschlossen, eine Vereinbarung entworfen und unterzeichnet.

Das Wort „Frieden“ wird sowohl von den Naiven in den Mund genommen, die die Abwesenheit direkter Gewaltanwendung mit Frieden verwechseln und die nicht verstehen, dass die Arbeit am Auf- und Ausbau des Friedens gerade erst beginnt, und bei den weniger Naiven, die dies zwar wissen, eine solche Arbeit jedoch nicht in Angriff nehmen. So wird also das Wort „Frieden“ zu einem sehr wirksamen Friedensverhinderer.

Mit unserer Untersuchung wollen wir zu den weltweiten Bemühungen beitragen, den Friedensprozess, der über einen Waffenstillstand hinausgeht, in Schwung zu bringen, so dass „nach der Gewalt“ nicht mehr so einfach „vor der Gewalt“ wird. Die erste Aufgabe nach der Gewalt ist, ihre Formation zu erfassen, um besser zu verstehen, wie der Meta-Konflikt seinen teuflischen Kurs genommen hat, unter und zwischen den Menschen, Gruppen, Gesellschaften gewütet und vom Krieg zerrissene Leute und Gesellschaften, ein vom Krieg zerrissene Welt hervorgebracht hat. Krieg ist eine menschengemachte Katastrophe.

Weiter zum ganzen Aufsatz auf: them.polylog.org


Johan Galtung (geb. 1930 in Oslo) ist einer der Gründer der Friedens- und Konfliktforschung. Nach dem Studium der Soziologie und Mathematik gründete er 1959 das weltweit erste Friedensforschungsinstitut, das International Peace Research Institute Oslo (PRIO), dem er zehn Jahre als Direktor vorstand. 1964 gründete er das Journal of Peace Research. Von 1969 bis 1977 war er Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Oslo. Er arbeitete intensiv mit zahlreichen Institutionen der Vereinten Nationen zusammen und war an vielen Universitäten auf allen fünf Kontinenten Gastprofessor, zum Beispiel in Chile, an der UN-Universität in Genf, in den USA, in Japan, China, Indien und Malaysia. Zurzeit ist er Professor für Friedensforschung an der Universität von Hawaii, Direktor von Transcend: Peace and Development Network und Rektor der Transcend Peace University. 1987 wurde er mit dem Alternativen Friedensnobelpreis (Right Livelihood Award) ausgezeichnet. Zu seinen Veröffentlichungen zählen 50 Bücher und über 1000 Artikel. Sowohl als Denker, Autor und Lehrender als auch als Berater und Aktivist hatte und hat er einen immensen Einfluss auf die Konflikt- und Friedensforschung.

In über 40 Konflikten weltweit wirkte er als Vermittler, so in Sri Lanka, Afghanistan, Nordkaukasus und Ecuador. Er prägte die Begriffe strukturelle Gewalt und positiver Frieden und war maßgeblich an der Entwicklung des Konzeptes der sozialen Verteidigung beteiligt. Galtung setzt sich darüber hinaus für eine Demokratisierung der Vereinten Nationen ein, und er ist Beiratsmitglied des 2004 neu gegründeten Komitees für eine demokratische UNO. Seit März 2009 engagiert er sich auch für das Russell-Tribunal zu Palästina.
Foersterliesel (Gast) - 7. Okt, 14:00

lieber Jostein,
danke für diesen schönen Beitrag; Du hast ein Talent Politik mit Anthroposophie zusammenzubringen, so daß es gut verständlich ist.
Es scheint mir so, als kämen humanitäre Impulse nur noch aus den nordischen Ländern.
herzlichen Gruß!

Freelancer - 9. Okt, 10:53

Das ist aber ein Schein. Aus den nordischen Ländern kommt auch viel „Mist“. Dazu werde ich höchstwahrscheinlich ein andermal zurückkommen. Den Nobelpreis an Herta Müller kommt zwar aus Schweden, aber sie selbst aus dem deutschsprachigen Bitzkydorf, Rumänien.
Foersterliesel (Gast) - 9. Okt, 21:31

lieber Jostein,
Herta Müller hat meines Erachtens den Preis zu recht bekommen, nur ein paar Tage war ihr Thema im Gespräch, heute ist es schon wieder aus allen Zeitungen weg. Hier noch ein paar links zu ihr
http://www.zeit.de/2009/31/Securitate?page=all
http://www.syberberg.de/Syberberg4_2009/9_Okt1.html

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