18
Mai
2011

Stilgefühl oder Geschmacklosigkeit?

Zum neuen Layout von der Wochenschrift „Das Goetheanum“

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Neben mir liegen die zwei letzten Nummern vom „Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie“, die von Rudolf Steiner mit Albert Steffen 1921 begründet wurde. Herausgeber ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG), seit kürzestem durch Bodo von Plato vertreten und mit dem Öffentlichkeitssprecher des Goetheanums oben am Hügel, Wolfgang Held, als neuer dazu getretener Redakteur. Nun ist ebenfalls das Layout der Zeitschrift total anderes als früher geworden. Über diese Wendung möchte ich Kritik mitteilen und zugleich einige wesentliche Fragen stellen.

Sowohl im Internet als auch in den letzten Nummern vor dem neuen Design wurde die neue Richtung in der Redaktion mit einer näheren Zusammenarbeit zwischen der Redaktion und den Goetheanumvertretern eingehend geschildert. Ist dieser „Schachzug“, der scheinbar durch den allgemeinen Abbau am Goetheanum wegen finanzieller Krise quasi forciert worden ist, wirklich motiviert? Schon am 19. Januar 2011 kündete Bodo von Plato an, dass die Form des „Goetheanums“ sich ändern würde, den Verhältnissen, Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechend: „Im Laufe dieses Jahres werden sich Schritt für Schritt Konzept und Aussehen des ‚Goetheanums‘ verändern. Publikationen, die bisher in gesonderter Form erschienen, sollen im ‚Goetheanum‘ ihren gemeinsamen Erscheinungsort finden, damit eine umfassende Anregung und Information, ein Austausch über Grenzen hinweg in gebündelter Form stattfinden kann – mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften.“

„Es ist sehr ermüdend, die Texte so zu lesen“
Wenn früher „Das Goetheanum“ durch alle Jahrzehnte hindurch als eine unabhängige und eigenständige Kulturpublikation von vielen erlebt und geschätzt wurde, frage ich mich jedoch, ob die Unabhängigkeit gegenüber dem Herausgeber jetzt wirklich genügend gewährleistet sein wird und in der Zukunft garantiert werden kann. Das Goetheanum-Redaktionsmitglied Sebastian Jüngel meinte in einem Diskussion mit Ramon Brüll von der Zeitschrift Info3 im Jahr 2008 (infoseiten anthroposophie, Herbst 2008), dass die AAG nicht als eine Kontrollfaktor betrachtet werden könne, sondern als eine freie Initiative, deren Vertreter sich verpflichtet haben, die Anthroposophie zu repräsentieren und das Erbe Steiners als öffentliche Kulturfaktor zu verwalten, damit Menschen angeregt, ermutigt, inspiriert werden, Aufgaben der Zeit anzugehen. Brüll behauptete damals, dass es eine Tatsache jedoch sei, dass große Teile ausgerechnet der anthroposophischen Bewegung mit „Initiativverhinderungsstrukturen“ (Brülls Begriff) zu kämpfen haben. Bestätigen die letzten Verschärfungen in der Wochenschrift womöglich, dass Brüll in seiner damaligen Beurteilung letztendlich recht bekommen hat? Wie fühlt sich nun Jüngel heute, der über zehn Jahre lang sich gar nicht angemaßt hat, dem Posten eines Chefredakteurs zu beziehen, den Pressesprecher des Goetheanums vor die Nase gesetzt zu bekommen?

In der letzten Nummer (Ausgabe Nr. 19) wird in ein paar Leserbriefen das neue Layout kommentiert und durchgehend gepriesen für seine „frische“. Die farbigen Fotos in der Doppelnummer 17/18 werden als „gut“ befunden, und, dass sie die Atmosphäre des Inhalts „übersetzen“. Jedoch wird von einigen Lesern der neue Schriftschnitt als schwer lesbar gefunden. Maja Brunold kommentiert noch, dass die etwa graue Druckschrift für ältere Menschen „ein Problem“ sei: „Es ist sehr ermüdend, die Texte so zu lesen. Ich weiß, dass die Grafiker heute gerne wenig kontrastreiche Gestaltungen wählen.“ Sie versteht nicht, warum die so entstandene schwierigere Lesbarkeit offenbar in Kauf genommen wird.

Die ehemalige graphische Neugestaltung von Karl Lierl
Schon vor zwei Wochen beim Auspacken und beim Blättern – in der mit Grau gefärbten neuen Wochenschrift, das noch dickere Papier ähnlich wie Monatsmagazine erhalten hat – fiel es mir sofort auf, dass ich meine Gesichtspunkte und meine Kritik ausarbeiten möchte, aber ich entschied mich auf die nächste Nummer zu warten, damit ich mindestens zwei verschiedene Hefte zum Vergleich hatte. Somit habe ich jetzt etwas Zeit gehabt, um diese Neugestaltung zu testen und zu verarbeiten. Schon vor Jahren entstand in meiner Familie ein humoristischer Spitzname für „Das Goetheanum“, das ich meistens samstags bekomme. Meine Frau taufte es „mein Schnuller“, weil ich sehr gern mich damit an den Wochenenden entspanne. Jetzt muss ein neuer Scherzname gefunden werden. „Kaugummi“ wird vorgeschlagen. „Ja“, sage ich, „das ginge, falls ich es sofort ausspucken darf.“ Dieweil es nicht mehr einen mir passenden Geschmack hat. Der Anis ist hin, die Pfefferminze auch!

Treue Leser und Feinschmecker des „Goetheanums“ kennen die streng überlegten und vorsichtig durchgeführten Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten mit dem Layout gemacht wurden. Die damals um 2005 bisher am weitläufigsten durchgreifende – und wie Wolfgang Held in einem Editorial einräumt „intelligente“ – graphische Neugestaltung von Karl Lierl ist nun plötzlich und überraschend „ins Grab“ gelegt worden. Ich kann mich freilich nicht erinnern, dass ich als Abonnent zu einer Beerdigung eingeladen wurde! Dessen ungeachtet wird heute nicht mehr darauf hingewiesen, dass Lierls genialer Griff mit dem alten Logo von Rudolf Steiner in einer Metamorphosenreihe damals nicht aufgegriffen wurde. Somit klingen in meinen Ohren Helds Kritik gegenüber Liers Verwendung des Zeichens zwischen „Das“ und „Goetheanum“ als ganz aus der leeren Luft gegriffen, als müsste er rechtfertigen, dass man jetzt die ursprünglich gezeichnete Skizze von Steiner aufgreifen möchte, die, wie es gesagt wird, auf ein „leinenartiges Papier“ leicht hingezeichnet sei.

Rudolf Steiners ursprünglich gezeichnete Vignette
Ich vermute, dass Steiners Skizze dabei als dunkel gegen hellerem Hintergrund geschaffen worden sei! Jetzt wird das alte Zeichen in weißer Farbe gegen einem grauen Hintergrund verwendet. Dadurch tritt bei längerer Betrachtung ein noch dunklerer Grau dem Auge entgegen aus den Zwischenräumen der Zeichenlinien, weil das Sehorgan immer Komplementarität schafft. War das geradeso von Steiner gedacht? Ich glaube, dass das Umgekehrte von ihm angestrebt wurde, dass nämlich durch die dunklen Linien – jetzt abgesehen davon, dass sie nicht scharf geschnitten werden sollten – ein hellerer Lichtschein im „Zeichengesicht“ aufleuchten sollte, als würde die Vignette von innen selbst leuchten!

Ich schaue mir ein Goetheanum-Exemplar aus dem Jahr 1998 an und werde von dieser Ansicht augenfällig bestätigt. Jetzt mutet mir durch die neue, einsame und weiße Figur der Doppelgänger des Goetheanums mich an anzuglotzen – besonders gilt dies auf der Nummer 19, die kein farbiges Foto wie bei der vorletzten Nummer hat. Nur das lapidare Wort „Wandel“ ist hier mitten auf dem Titelblatt gedruckt und dazu noch amateurhaft wie mit einem Filzstift hingeschrieben. Anscheinend finden die Herausgeber, die mit der Rochade (Doppelzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden) belegten Redaktion und einige Leser es gut so; möglicherweise ist es so beabsichtigt!

Wenn man jetzt Steiners Ursprungskonzept unbedingt benutzen will, warum wird es nicht als Faksimile wiedergegeben? Im Übrigen ist es leicht nachzuweisen, dass Steiner immerzu mit Texten und graphischen Zeichen in direktem Zusammenspiel miteinander arbeitete. Im Design von 1998 ist das noch erhalten. Der jetzige Herausgeber tut das gar nicht. Nur das Wort Dreigliederung, das Steiner am Anfang benutzt hatte, war ebenfalls 1998 längstens verschwunden. Die Zweigliederung des Designs lebte also sehr lange; heute ist nur noch eine spiegelbildliche Eingliederung übrig geblieben. Warum möchte man dann Steiners Zeichen noch überhaupt verwenden? Ich finde wie es jetzt damit gearbeitet wird als eine kunstlose Nostalgie, die am Goetheanum an falschem Ort ist.

Ich kann verstehen, dass man einen kostenaufwendigen Designer oder Grafiker sich jetzt nicht leisten kann, aber ich glaube, dass es in der globalen anthroposophischen Künstlerbewegung viele Helfer gäbe, die bereit wären, ohne Honorar beizutragen zu einer Neugestaltung, die dem heutigen Stilsinn der Anthroposophie Verbundenen anfangs des zweiten Jahrzehnts des neuen Millenniums gerecht werden könnten. Übrigens glaube ich nicht, dass diese Designschritt aus kostensparenden Gründen gemacht worden ist, zumal für die Nummer, in denen von Veranstaltungen am Goetheanum berichtet werden soll, wohl mit Farbdruck gearbeitet wurde, was sich so für die Zukunft auch vermuten lässt. Die Vielfalt der aufwendigen und teuren Websites, die für die in den vielen Ländern bestehenden Anthroposophischen Gesellschaften Kunde tun, bezeugen jedoch, dass es genug Geld gebe, um die sogenannte Öffentlichkeitsarbeit zeitgemäß zu finanzieren.

Das schwarze Quadrat als „Schlussstein“
Die alten Hefte der Wochenschrift hatten seit 90 Jahren bis jetzt den Charakter einer klassischen Wochenzeitung, indem auf der Titelseite schon mit dem Lesen eines Textes angefangen werden konnte. Dieses Konzept hätte weitere 90 Jahre weiterbestehen können! Jetzt ist das anders geworden. Die Titelseite ist fast leer, und die Inhaltsübersicht und irgendein Text oder ein Gedicht sind auf der Rückseite zu finden. Vor Kurzem wurde die klassische Hinterseite mit den Kurznotizen ins Blatt verschoben, damit farbige, einkommensgebende Reklame da hinten sein konnte. Jetzt ist das auch nicht mehr so, sondern die Reklameseiten beziehen in der letzten Nummer sogar fast 1/3 des ganzen Hefts mit 7 von 24 Seiten.

Die ehemalige Textgliederung der unterschiedlichen Arten von Aufsätzen und mit grauem Untergrund für die biographischen und inhaltlichen Hinweise, die auf den Entwurf von Karl Lierl zurückging, habe ich optimal gefunden. Der Wechsel zwischen zwei, drei und vier Spalten gab für mich außerdem eine bestmögliche Gliederung und Lesbarkeit. Die Aufteilung eines langen Textes mit kurzen, fündigen Zitaten und das kleine, schwarze Quadrat als „Schlussstein“ erlebte ich ansonsten sehr angenehm. Jetzt ist das alles verschwunden – inklusive Zwischenrubriken im Text und die vertikalen Titel, die zum Aufhorchen begeisterten – und die Autorenhinweise in den neuen Nummern am Ende eines Textes lassen sich kaum im Lesefluss entdecken, da sie überhaupt nicht anders akzentuiert sind. Somit „stolpere“ ich am Schluss eines Aufsatzes und muss nochmal zurücklesen, um zu wissen, dass er gerade abgeschlossen wurde. Jetzt wird nur mit zwei und drei Spalten gearbeitet und bei den Zweispaltigen Texten kann ich nicht eine Gliederung des Inhalts mithilfe des Layouts interpretieren. Nur die „Hierarchie“ von Vorn nach Hinten lässt die unterschiedliche Wichtigkeit der Botschaften bekannt werden.

Früher gab es Essays der Vertiefung
Der Ausfall von Zwischenrubriken ist unter diesen Veränderungen vielleicht die unangenehmste, da nicht mehr ein bewusstes Pausieren beim Lesen unterstützt ist. Früher konnte ich hin zu einer solchen Rubrik mitten im Text lesen, eine Pause fürs Nachdenken machen und dann fortsetzen – oder ich konnte den letzten Abschnitt nochmal lesen oder mich leicht im Text voraus orientieren. Zwischentexte sind Gefühlssprechpartner wie Blumen auf der Wiese! Jetzt ermüde ich beim Lesen – wie Frau Brunold – und fühle mich gezwungen, einen ganzen Text in einem Schwung hindurch zu joggen. Eine leichte Unterdrückung meiner Freiheit als Leser ist damit freiem Lauf gegeben.

Ich beobachte bei der Spurensuche des Wandels, dass jetzt ebenfalls kein Text länger als zwei Seiten ist! Früher gab es Essays der Vertiefung, die über drei Seiten sich beschaulich ausbreiteten. Möchte die neue durch Wolfgang Held gelenkte Redaktion eine derartige vertiefende Auseinandersetzung mit einem zentralen anthroposophischen Thema nicht mehr? Wenn ja, dann müsste man auch den Zusatz „für Anthroposophie“ streichen! Auf weitere Anmerkungen zu dieser plakativen Veränderung der Wochenschrift verzichte ich. Vom äußeren Stil der konservativen, aber kultivierten Tradition des „Goetheanums“ ist insofern wenig – wenn überhaupt etwas – übrig geblieben.

Könnte es sein, dass „Das Goethenaum“, das Rudolf Steiner gründete, nach gut 90 Jahren und 150 Jahren nach seiner Geburt durch ein verstecktes Verschwinden aufgehört hat, zu existieren, und dass man aus welchem Grund auch immer vergessen hat, der nagelneuen Zeitschrift, die jetzt am Goetheanum erschienen ist, mit einem neuen Namen zu versehen? Liegt hier eine Verwechselung vor, etwa vergleichbar mit früheren unbewusst gemachten Vertuschungen – ich denke z.B. an die sogenannte Urnengeschichte –, die wir aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung schon kennen? Falls das so ist, bin ich bereit, mitzuarbeiten, dass die neue Zeitschrift einen passenden neuen Namen bekommt. Wie wäre es – um nur einen positiven Vorschlag zu nennen – mit: Der Wandel – Wochenschrift am Goetheanum? Und zu guter Letzt möchte ich die Redaktion bitten, dass sie mir ein Angebot zum Signieren eines neuen Abonnements schicken. Ob ich indes ein Dauerabnehmer der neuen Wochenschrift werden möchte, bleibt eine offene Frage. ■

Bild: ‹Goetheanum› Nr. 20/2011, das diese Woche erscheint.
herman (Gast) - 20. Mai, 14:46

Ich bin ein Fan der Zeitschrift, aber sie hat sich schon seeehr verändert!

Freelancer - 20. Mai, 18:35

Auch ich bin ein Liebhaber der Wochenschrift, auch wenn das in diesem Beitrag eventuell schwer durchzuhören ist. Als langjähriger Abonnent und ehemaliger Mitautor dort, fühlte ich mich jetzt halt zutiefst aufgerufen, ein deutliches Nein zu diesen letzten Veränderungen zu formulieren. Es wird schon interessant in der nächsten Zeit, zu verfolgen, wie das Projekt unter diesen neuen Prämissen sich weiter entwickelt.
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