[>>]

13
Okt
2009

Waren Jens Bjørneboe und seine anthroposophischen Freunde während der Naziokkupation von Norwegen zur Kollaboration bereit?

bilde-maleri-marvin-hallerakerEin Abriss der aktuellen Streit zwischen Akademiker und Anthroposophen von Jostein Sæther

S
eit dem Mammutwerk Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945 (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007) vom deutschen Historiker und katholischen Theologen Helmut Zander ist anthroposophische Theorie und Tun nicht mehr vom akademischen Diskurs wegzudenken. Nicht nur im deutschsprachigen Raum werden Studien angefangen und entstehen Kontroverse zwischen anthroposophischen Protagonisten und deren Kritikern, die auf Zanders Thesen bauen, sondern auch in Skandinavien. Besonders fleißig wird untersucht, wie die mit Namen genannten Anthroposophen sich während der nationalsozialistischen Ära verhielten, um eventuell zu dem Urteil zu kommen, dass die Anthroposophie oder Teile davon entgegen ihrem Selbstbild als rechtsextreme Weltanschauung geächtet werden könnte.


Es ist belegt worden, dass unter etwa 300 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen (AGiN) nur 3 Anthroposophen der faschistischen Partei National Samling – die durch ihren Führer Vidkun Quisling während des zweiten Weltkriegs ein Teil der politischen Macht mit der deutschen Besatzungsmacht besaßen – als Mitglieder beitraten. Es wird behauptet, dass die vergleichende Quote in anderen Ländern viel höher gewesen sei. Ich kannte persönlich einen seit mehreren Jahren verstorbenen Anthroposophen, der sogar vorübergehend als Quislings Privatchauffeur in Oslo arbeitete, der nach meiner Kenntnis aber nie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wurde. Es ist überaus denkbar, dass es außer den Anthroposophen, die Mitglieder waren, noch weitere Personen gaben, die Sympathisanten mit den nationalsozialistischen Ideen gewesen wären, auch wenn dies im Nachhinein nicht mehr belegt werden könnte. Aber Briefe und Dokumente könnten noch weiterhin auftauchen.

Indessen gerieten norwegische Anthroposophen wie Sam Ledsaak, Arne Smit und Olaf Stuhaug damals u. a. wegen ihrer öffentlichen Kritik an die nationalsozialistischen Tendenzen in deutsche Gefangenschaft; andere wurden Widerstandskämpfer wie der spätere Filmforscher und Schriftsteller Willy Buzzi, den ich in Schweden persönlich kannte und der mir über die Sabotagetätigkeit seiner Gruppe in Trondheim erzählte. Einige, wie der spätere Vorsitzende der AGiN Sophus Claussen, deckten berühmte Widerstandskämpfer auf. Darunter auch den Saboteur und Unterleutnant Gregers Gram, der kein Anthroposoph war. Viele flüchteten nach Schweden, wie der damals 23jährige und später berühmte, aber umstrittene Waldorflehrer, Schriftsteller und Dramatiker Jens Bjørneboe (1920–1976). Gerade ist in Norwegen der Streit um Bjørneboe wieder ausgebrochen wegen des Erscheinens des ersten Teils einer umfassenden Biographie über ihn vom Osloer Literaturprofessor Tore Rem genannt Sin egen herre (Sein eigener Herr), herausgegeben vom Verlag Cappelen Damm, Oslo 2009.

Weiter zum ganzen Aufsatz auf gamamila.de

Illustration: Jens Bjørneboe, © Marvin Halleraker
MehrBlumengruesse - 13. Okt, 19:22

Na, um Gottes Willen, das darf doch nicht wahr sein. Jetzt auch Norwegen!
Vielen Dank für die Aufklärungsarbeit, Jostein Saether, so bekommen wir wenigstens die tatsächlichen Fakten zu hören über diesen Jens Bjørneboe.

Freelancer - 14. Okt, 12:45

Das konkrete Leben ist immer komplizierter und verzwickter als man zunächst denkt und annimmt. So zeigt sich oft im Nachhinein, dass das Dasein unter und der Umgang mit Zeitgenossen den Blick auf die karmischen Aufgaben trüben. Da wo Gewalt und deren „Kinder“ akzeptiert wird, ist das Karmische verschoben worden. Der Weg mit der Wahrheit im Herzen ist ein schmaler, wo manchmal der Graben gemütlicher gefunden wird.
Elisabeth (Gast) - 14. Okt, 20:53

Lieber Freelancer,
ich würde es nicht unbedingt – auf jeden Fall nicht ausschließlich – so hoch aufhängen; und sicherlich ist es karmisch unter diesen „Zeitgenossen“ verquickt.
Was mir wieder ins Auge stößt ist doch diese Bauchladengesellschaft, dieses Getuschel, wer wem was antun kann. Dieses hinter der Hand Gebrabbel, dem anderen Schaden zu können, zu wollen. Und auch ein Blick in diese Zeit, was offen ausgesprochen werden darf und was einfach nicht ging. Selbst, wenn der Zweig in einer Räumlichkeit stattfinden musste, dass der Zweig stattfinden kann, wo was weiß ich für Nazipropaganda an die Wände plakatiert ist. Was hat das mit dem Zweig zu tun? Und selbst, wenn ich annehme, dass diese Räumlichkeiten benutzt werden mussten; was für eine Wirkung hat stattgefunden und ist ausgelöst worden dadurch?. Das interessiert mich viel mehr. Es sind keine Verhältnisse zu heute. Ich denke, das kann „man“ sich schwerlich vorstellen. Wenn dann noch ein Genie wie Jens Björneboe auch noch bi-sexuell und trunksüchtig ist ..... da sind dann doch auch in unserer Zeit alle ganz fleißig dabei, mit ihren Fingern zu zeigen und sie bemerken nicht, dass 1 Finger zwar weg zeigt aber 4 Finger zurück auf sich selbst. Und dahinter, dazwischen und darunter all die karmischen Verquickungen, die durch Joseins Ausführungen und Übersetzungen aus den Zeitschriften für uns zugänglich sind.
Die Nachwehen, der Nachklang, dieses Scheppern wie es mir so oft vorkommt ist nicht zu unterschätzen.Es ist notwendig, diese Dinge aufzuräumen. Dann können wir auch etwas an der karmischen Verschiebung tun. Davon bin ich überzeugt.

Danke, sehr interessant, Elisabeth

Freelancer - 16. Okt, 18:44

Liebe Elisabeth,
„Die Nachwehen, der Nachklang, dieses Scheppern […] bin ich überzeugt.“ Aus derselben Überzeugung mache ich diese stundenaufwendige Arbeit, die keiner mir mit Geld bezahlt. Da fühle ich mich manchmal wie Jens Bjørneboe: als Aktuar der Geschichte. Mit den Ungereimtheiten, die die Akademiker heute im umfassenden Archivmaterial und in Gesprächen mit noch Lebenden auffinden, haben die damaligen Anthroposophen gelebt und sich anders abgeschätzt als wir heute sie. Wie die weiteren Diskussionen zwischen den Repräsentanten der AGiN und ihnen aber zeigen wird (ich werde alles nach meiner 2. Russlandreise – zwischen 19.-31. Oktober – dokumentieren), ist eine Spalte im Entstehen, die auf künftigen fruchtbaren Dialogen zwischen ihnen wenig übrig lässt.
Grüße Jostein
logo

Ganz Auge und Ohr

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Die jahrhundertealte...
EINST ERLEUCHTETEN LILIENWEIß und erwärmten...
Freelancer - 14. Dez, 11:10
Dezember
DEN GALGENHÜGEL VERLIEß ICH ABENDS im...
Freelancer - 10. Dez, 17:41
Lieber Herr Heinen-Anders, danke...
Lieber Herr Heinen-Anders, danke für ihren Besuch...
Freelancer - 7. Dez, 09:24
Liebe Elisabeth, danke...
Liebe Elisabeth, danke für deinen Kommentar und...
Freelancer - 7. Dez, 09:24
Der Engel (ein Gedicht)
DER ENGEL Mein Engel, Er lächelt so sanft wenn...
Michael Heinen-Anders (Gast) - 6. Dez, 14:38

Suche

 

Status

Online seit 165 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 14. Dez, 11:57

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB