Exkurs anhand eines Goetheanum-Beitrags von Andreas Heertsch
I
mmer mehr Menschen treten auf, die geistige Erlebnisse haben und vom Kontakt mit geistigen Wesen aller Art erzählen und berichten. Die Literatur dieser Art und die Internetsites, die solche Inhalte vermitteln, wachsen für jeden Tag. Sollte ich als Anthroposoph und geistig Suchender nicht froh und dankbar sein, dass es diese Art Berichte über die geistige Welt und Botschaften geistiger Wesen gibt? Zumal „die“ Anthroposophie nichts anderes „möchte“, als den Menschen den Zugang zu ihr und zu ihnen zu unterstützen und zu erleichtern, und dazu noch die Erkenntnisgrundlagen für geistige Erlebnisse geben will? Nun gibt es jedoch viele Fragen und auch einige Bedenken, die ich diesbezüglich habe, die in der Esoterikszene oft nicht vorkommen, und auch unter manchen Anthroposophen, die für solche Mitteilungen offen sind, eher zu locker behandelt werden.
Auch innerhalb des anthroposophischen Milieus steigt nämlich die Fülle von geistigen Botschaften von Engeln und Naturwesen seit dem letzten Millenniumwechsels. Die Publikationen innerhalb der
Flensburger Hefte bilden eine Art Genre für sich, indem sie die Interviews wiedergeben mit Natur- und anderen Geistwesen, die
Verena Staël von Holstein mit ihnen führt unter der besonderen Mithilfe vom Herausgeber
Wolfgang Weirauch. In einem Diskussionsbeitrag in der Wochenschrift
Das Goetheanum (Nr. 5/2010) behandelt
Andreas Heertsch, Physiker und Mitarbeiter des
Instituts Hiscia (Arlesheim, CH), die neueste Publikation über den Mistel und die Misteltherapie (Flensburger Hefte Nr. 104), wo wiedergegeben wird, wie das Wesen Mistel mit Hilfe von Naturwesen erforscht wurde. Da Heertsch einerseits selbst Mistelforscher und Mitarbeiter beim Herstellen von Mistelpräparaten und andererseits ein
Buch über eigene geistige Erfahrungen geschrieben hat, dürfte er kompetent sein, um dieses Thema sachgemäß zu behandeln. Es dürfte zugegen nicht zu erwarten sein wie oft bei anthroposophischen Autoren, dass er nur „über“ die Fragen schreibt, sondern diese aus der Sache heraus behandelt. Ich kenne zudem Heertsch persönlich aus einer früheren Arbeitsgruppe zur anthroposophischen Karmaforschung, das in Arlesheim (CH) und in Zeist (NL) zusammenkam. Deshalb kann ich seine Erkenntnisklarheit und seine Gesichtspunkte auch gut nachvollziehen.
Andreas Heertsch kommentiert zunächst, dass die Interviewform sein Verständnis zu diesem komplexen Thema der jahrzehntelangen Mistelforschung eher behindere als näher bringe. Zu den feinsinnigen und kontroversen Ausführungen dreier anthroposophischen Forschern aus dem
Carl-Gustav-Carus-Institut, Öschelbronn, und dem Arzt
Volker Fintelmann fügen sich hinzu die Antworten eines Wesens genannt „Arrak“, das – wie es im Buch heißt – ein Mistelhain betreut. Der „Gespräch“ mit dem Mistelwesen geschah während 150 Minuten. Folgendermaßen wird die Methode im Buch charakterisiert: „…die Fragen entstanden teils spontan, teils waren sie vorbereitet, aber keine einzige Frage war Verena Staël von Holstein vorher bekannt. Alle Antworten entstanden im jeweiligen Moment.“
Dazu fragt Heertsch mit Recht: „Wie soll man so etwas rezensieren?“. Er konstatiert, dass „Arrak“ auf alle Fragen ohne Vorbehalt antwortet. Er hätte gern gewusst, wer dieser „Arrak“ sei, und stellt fest, dass das Wesen während des Gesprächs – außer Staël von Holstein und Weirauch waren noch drei weitere Menschen anwesend – eigentlich nicht interviewt, sondern lediglich als ein Orakel befragt wurde. Vorurteilsfrei und unbefangen nimmt Heertsch das Flensburger Vorhaben unter die Lupe: „Die beeindruckende Allwissenheit von ‚Arrak‘ sei nun hier genauer untersucht: Woher stammt dieses Wissen? Gerne hätte ich diese Frage auch von ‚Arrak‘ selbst beantwortet bekommen, aber Weirauch stellt sie nicht. Wie originell sind ‚Arraks‘ Antworten? Meines Erachtens liefern sie kompendiumartiges Wissen: Das Wesen scheint Einblick in von Menschen Gedachtes zu haben. Für Kenner des Themas bestehen seine Antworten weitgehend aus Zusammenstellungen von hie und da Bekanntem.“
An einigen Beispielen verdeutlicht Heertsch seine Annahme. Das eine Beispiel ist das Folgende: Wenn es darum geht, das Eintröpfeln von Sommersaft der Mistel im rechten Winkel zum Wintersaft in die Mischmaschine zu beschreiben, meint Heertsch in 'Arraks' Antwort die Sicht seines vor einiger Zeit verstorbenen Kollegen fast wörtlich wieder zu erkennen. Inspiriert womöglich der Verstorbene dieses Mistelwesen, ohne dass dies erkannt wird? Weiter findet Heertsch ‚Arraks‘ Aussage, dass die Tropfen „nie“ zersprühen sollen, missverständlich, da er aus dem Verfahren bei Hiscia weiß, dass ein Zersprühen unumgänglich ist, weil die einfallenden Sommersafttropfen ohnehin zersprühen, wenn sie auf die Oberfläche der Wintersaft treffen. Die Physik lässt nichts anderes zu, meint der spirituelle und praxisnahe Physiker.
Andreas Heertsch findet „Arraks“ Wissen immerhin erstaunlich. Er liest offenbar im menschlichen Bewusstsein, kann es wie einen Spiegel wiedergeben und Zusammenhänge aufzeigen. Gleichzeitig sieht Heertsch darin eine Gefährdung des menschlichen Urteilsvermögens, falls die Teilnehmer und die Leser nicht solche geistigen Mitteilungen in den eigenen „Erdenhorizont“ integrieren wollen oder können. „Wenn man die eignen Urteilskraft allerdings an ihn delegiert, läuft man Gefahr, dass man für den eigentlich menschlichen Bereich, die Nahtstelle zwischen Sinnes- und Geisteswelt, die Souveränität verliert.“
Brauchen wir nur zu tun, was die Wesen uns empfehlen? Oder gar befehlen? Andreas Heertsch präzisiert den einfachen, aber leicht zu überschauenden Aspekt des Zusammenhangs zwischen Verantwortung und Freiheit in diesen Fragen: „Die oben erwähnte Nahtstelle ist Aufgabenfeld des inkarnierten Menschen. Um an ihn zu arbeiten, können wir nicht genug von geistigen Wesen lernen, aber es enthebt uns nicht unserer Verantwortung, das Gelernte an der Sinnenwelt erkennend zu konkretisieren und die so gewonnenen Erfahrungen in die geistige Welt zurückzutragen, um die Aufgabe auf neuer Stufe wiedeerkennend aufzugreifen.“ Der Hiscia-Forscher hält die „Geist-Interviews“ für anregendes Material, aber er kann sich nicht anfreunden mit der einfachen Übernahme solcher Empfehlungen der Naturwesen. Darin formuliert er einen Grundsatz aller gegenwärtigen und zukünftigen Geistesforschung: „Es ist des Menschen vornehmste Aufgabe, seine Inspirationen erkennend erdenpraktisch zu machen.“
Durch meine eigenen Kontakte während 14 Jahren mit Naturwesen, mit Verstorbenen, mit Meisterindividualitäten, mit Engeln und mit sogenannten höheren Wesen der geistigen Welt kann ich Vieles der „übersinnlichen Gespräche“ in dieser Reihe der Flensburger Hefte gut nachvollziehen. Viele Aussagen der Wesen haben meine eigenen Forschungen bestätigt und in anderen Aspekten, wo ich noch auf Auskünfte gehofft habe, kamen unerwartet und quasi indirekt Klärungen durch das Lesen mir entgegen, als ob die von Wolfgang Weirauch befragten Wesen meine Fragen einordneten, ohne dass ich sie ihn vorher gemailt hatte.
In einem Emailaustausch neulich mit Andreas Heertsch ging ich auf seine Besprechung ein, und es kamen einige weitere Gesichtspunkte heraus, die ich hier kurz erwähnen, aber dann in kommenden Beiträgen ausarbeiten möchte: Für die (geisteswissenschaftliche) Darstellung geistiger Erlebnisse und Erfahrungen gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Wie treten Wesen ins Bewusstsein? Wie bereite ich die Meditation oder das übersinnliche Gesprächsverfahren vor? Welches Risiko gehe ich ein, wenn ich das alltägliche Sinnesbewusstsein zugunsten eines höheren Erkenntnisbewusstseins verlasse? Wie werde ich mit den inneren Erlebnissen und mit den eventuellen Folgeerscheinungen fertig? Zweitens die inhaltliche Ebene mit den relevanten Prinzipien: Die Botschaft dürfte ich nicht 1:1 weitergeben, weil ich die Verantwortung dafür habe, dass das, was da formuliert wird, „Erdenkompatibel“ ist. Viele solcher Eindrücke treten mit einem „Alleinvertretungsanspruch“ auf, indem gedacht oder gesagt wird: „Es kann nur so sein.“ „Von diesem Anspruch muss man sich jedes Mal erst emanzipieren und lernen, den Eindruck in den eigenen Erdenhorizont zu integrieren, weil sich dann manches relativiert“, bemerkt Andreas Heertsch. Ich stimme ihm zu.
Bei den mündlichen und schriftlichen Wiedergaben meiner geistigen Erfahrungen habe ich immer klarstellen wollen, wie das Erlebte und Empfangene mich selbst gegebenenfalls veränderte, und ich habe angeführt, welche Erkenntnisse ich daraus ausbilden konnte. Ich habe genau geschildert, wie ich geistige Wesen erlebte, und – soweit ich dies erkennen konnte – wie es dazu kam, dass sie in einer bestimmten Gestalt auftraten. Oft empfing ich Botschaften, die aber zu allermeisten direkt auf mich und meiner Lebenssituation bezogen und nicht als allgemeine Anweisungen für andere gemeint waren. Da die menschlichen, sozialen und anderen Zustände und Zusammenhänge in unserer Zeit immer individueller werden und geographisch bedingt und ortsgebunden eingeordnet werden müssen, kann es doch nicht mehr zeitgemäß sein, dass immer mehr geistige Botschaften weitergereicht werden, als ob sie für alle Menschen Gültigkeit hätten? Es zeigt sich doch auch immer mehr, dass die allgemeinen anthroposophischen Gesichtspunkte und Angaben, die auf Rudolf Steiner zurückgehen, nur dann Gültigkeit bekommen und fruchtbar werden können, wenn sie individualisiert und in der konkreten Lebenssituation eingearbeitet werden.
In den Jahren 1996-99 hatte ich auf Grund der Fragen, die mich beschäftigten, viele spirituelle Eindrücke aus verschiedenen Gebieten der Geisteswissenschaft und besonders auf dem Gebiet der Karmaerkenntnis. Ich habe damals versucht von diesen Eindrücken zu erzählen, ohne mich sonderlich um die Folgen zu kümmern, die diese Darstellungen bei meinen Lesern auslösten. (Beispielsweise trenne sich die Leserschaft in anhimmelnde Anhänger und mich als atavistischen Hellseher abtuende Kritiker). Wie sich aus dem oben Dargestellten ergibt, braucht es noch die "Erdung" dieses Wissens. Deshalb versuche ich heute immer möglichst konkret für die jeweilige Lebenssituation zu raten und suche das Gespräch mit den Fragenden, sodass diese möglichst selbst auf das für sie Richtige kommen. Das blosse Nacherzählen des Geschauten ohne dieses "erdencompatibel" zu machen, d.h. in seiner Richtigkeit und Bedeutung für die aktuellen Verhältnisse zu prüfen, hat sich für mich als luziferische Versuchung erwiesen, die nur Spaltungen im Kilewassser hat.