Romane lesen II

Bild: Lavinia Fontana (1552–1614): Tognina.
Quelle: Wikipedia
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ognina Gonsalvus, auch Antonia genannt, (geb. um 1580 in Frankreich, genaue Lebensdaten unbekannt) war ein so genanntes Affenmädchen. Ihre Familie gilt als der älteste in Europa beschriebene Fall von menschlicher Überhaarung, medizinischer Bezeichnung Hypertrichose. Es gibt mehrere Arten dieser Andersartigkeit, in welcher jemand quasi mit Pelz geboren wird und leben muss. Antonia gehörte wie ihr Vater, Petrus Gonsalvus zur Hofgesellschaft des Königs Heinrich II. von Frankreich. Ihn hielt man zunächst als Affen am Hof, und erst dem Heranwachsenden schenkte man Aufmerksamkeit. Gonsalvus, der auch Latein gesprochen haben soll, heiratete eine Frau, die keine anormale Körperbehaarung hatte. Das Paar bekam mehrere Kinder, von denen einige, so auch Antonia, die Statur des Vaters geerbt hatten. König Heinrich stellte der Familie einen Teil des Parks von Fontainebleau zur Verfügung, um seinen Untertanen eine natürliche Umgebung und Schutz zu bieten. Die sogenannten Affenmenschen nahmen stets an Geselligkeiten in Festkleidern teil. Die kleine Tognina wurde dann wie eine Puppe ausgestattet.
Das LöwenmädchenDer ehemalige Waldorfschüler Erik Fosnes Hansen erforscht im Roman Das Löwenmädchen, mit dem er 2006 den norwegischen Buchhändlerpreis gewann, eine solche totale menschliche Abweichung mit ihren sozialen Konsequenzen, – nicht wie sie heute auftreten würde, sondern er verlegt seine Geschichte etwa hundert Jahre zurück. Fosnes Hansen erzählt faszinierend über Kindheit und Jugend, die sich am Rande der Gesellschaft entfalten. Der Roman gibt noch Raum für eine Fortsetzung, indem er offen aufhört, als die hochbegabte Hauptperson, Eva Arctander, mit vielen schmerzlichen und einigen glücklichen Erlebnissen kurz vor den Entscheidungen des Erwachsenen steht.
„Erik Fosnes Hansen lässt seinen Roman in einem Schwellenjahr beginnen, nämlich 1912. Es ist das Jahr, in dem die Titanic sank. Fosnes Hansen bewegt sich auf vertrautem Boden, 1995 gelang ihm mit seinem Titanic-Roman Choral am Ende der Reise der große Durchbruch auf das internationale Parkett. Der damals noch sehr junge Autor hatte den Stoff intuitiv begriffen. Mit dem Schiff war auch die alte abendländische Ständegesellschaft versunken samt ihrer Hybris und ihrer Dekadenz; es versanken Gott, König und Vaterland; es wetterleuchtete die erste große Zivilisationskrise der Moderne. 1912 ist ein Zeitwert mit symbolischem Gehalt. Wissenschaft und Aberglaube begegnen sich in diesem Jahr wie in kaum einem anderen.“ So erklärt Tanya Lieske in einer Rezension in Die Zeit am 31. Juli 2008 (Nr. 32).
Das Löwenmädchen wird in einer norwegischen Provinzstadt geboren. Die noch junge Mutter, eine Gesangslehrerin, stirbt bei der Geburt. Der Bahnhofsvorsteher und Vater hat Probleme, das äußerst abweichende Baby anzunehmen, und er trauert lange. Schließlich wird eine Amme gefunden, und das Mädchen wird zuhause getauft. Verhüllt von der Umwelt wächst Eva auf im ersten Stock des Bahnhofshauses. Sie spielt Karten mit sich selbst, liest später wissenschaftliche Bücher, wird ein mathematisches Genie und lernt durch einen freundlichen Bahnhofsmitarbeiter in Kürze das Morsealphabet.
Eva lebt die ersten Kindheitsjahre total isoliert. Nur mit dem Hausmädchen und meistens mit Tüchern verhüllt macht sie ihre Runden im Hinterhof. Zuerst mit der Schulreife lernt sie andere Kinder kennen. Wo sie auftaucht, zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich, und später im Schulhof und auf dem Schulweg wird sie gnadenlos gemobbt. Nur ein Junge nimmt sie unter seinem Schutz: Arvid. Er beschert auf ihrem Versteckstein nahe an einem Waldsee der behaarten Eva die ersten Erfahrungen über die Süße der Geschlechtlichkeit. Mit Eindringlichkeit und Menschenverständnis erzählt Eva selbst in Ichform im zweiten Romanteil über die Demütigungen, die sie auf einem Dermatologenkongress in Kopenhagen erfährt, als sie die unzähligen Untersuchungen der Ärzte über sich ergehen lassen muss. Aber sprechend für ihr Schicksal ist es gerade dort, dass sie einen anderen Sonderling begegnet, der sie die Augen öffnet für die Welt der Schaubühne, wo sie mit ihrem Fell viel Geld verdienen könnte.
Evas individuelle Außenseiterstimme bleibt lange in der Erinnerung. Fosnes Hansen gibt mit diesem Roman Achtung zu den universellen Fragen: Was macht körperliche Schönheit und Attraktivität aus? In wie weit spielt das Äußere immer eine Rolle? In einer Zeit der Körperkultur öffnet Erik Fosnes Hansen den Blick für die Einzigartigkeit des Einzelnen, so wie er in eine konkrete Inkarnation und in ein soziales Umfeld hineinritt. Durch den ganzen Roman spricht Karma sich aus, ohne dass dieser Begriff einen einzigen Mal erwähnt wird. ■Erik Fosnes Hansen, Løvekvinnen. Roman, J. W. Cappelens Forlag AS, Oslo 2006.
Erik Fosnes Hansen: Das Löwenmädchen. Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2008.
Freelancer - 24. Aug, 22:44
Ketil Bjørnstad findet seine Melodie
