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Literatur

24
Aug
2009

Romane lesen II

Tognina














Bild: Lavinia Fontana (1552–1614): Tognina.
Quelle: Wikipedia
T
ognina Gonsalvus, auch Antonia genannt, (geb. um 1580 in Frankreich, genaue Lebensdaten unbekannt) war ein so genanntes Affenmädchen. Ihre Familie gilt als der älteste in Europa beschriebene Fall von menschlicher Überhaarung, medizinischer Bezeichnung Hypertrichose. Es gibt mehrere Arten dieser Andersartigkeit, in welcher jemand quasi mit Pelz geboren wird und leben muss. Antonia gehörte wie ihr Vater, Petrus Gonsalvus zur Hofgesellschaft des Königs Heinrich II. von Frankreich. Ihn hielt man zunächst als Affen am Hof, und erst dem Heranwachsenden schenkte man Aufmerksamkeit. Gonsalvus, der auch Latein gesprochen haben soll, heiratete eine Frau, die keine anormale Körperbehaarung hatte. Das Paar bekam mehrere Kinder, von denen einige, so auch Antonia, die Statur des Vaters geerbt hatten. König Heinrich stellte der Familie einen Teil des Parks von Fontainebleau zur Verfügung, um seinen Untertanen eine natürliche Umgebung und Schutz zu bieten. Die sogenannten Affenmenschen nahmen stets an Geselligkeiten in Festkleidern teil. Die kleine Tognina wurde dann wie eine Puppe ausgestattet.

7019205_7019205_bigDas Löwenmädchen
Der ehemalige Waldorfschüler Erik Fosnes Hansen erforscht im Roman Das Löwenmädchen, mit dem er 2006 den norwegischen Buchhändlerpreis gewann, eine solche totale menschliche Abweichung mit ihren sozialen Konsequenzen, – nicht wie sie heute auftreten würde, sondern er verlegt seine Geschichte etwa hundert Jahre zurück. Fosnes Hansen erzählt faszinierend über Kindheit und Jugend, die sich am Rande der Gesellschaft entfalten. Der Roman gibt noch Raum für eine Fortsetzung, indem er offen aufhört, als die hochbegabte Hauptperson, Eva Arctander, mit vielen schmerzlichen und einigen glücklichen Erlebnissen kurz vor den Entscheidungen des Erwachsenen steht.

„Erik Fosnes Hansen lässt seinen Roman in einem Schwellenjahr beginnen, nämlich 1912. Es ist das Jahr, in dem die Titanic sank. Fosnes Hansen bewegt sich auf vertrautem Boden, 1995 gelang ihm mit seinem Titanic-Roman Choral am Ende der Reise der große Durchbruch auf das internationale Parkett. Der damals noch sehr junge Autor hatte den Stoff intuitiv begriffen. Mit dem Schiff war auch die alte abendländische Ständegesellschaft versunken samt ihrer Hybris und ihrer Dekadenz; es versanken Gott, König und Vaterland; es wetterleuchtete die erste große Zivilisationskrise der Moderne. 1912 ist ein Zeitwert mit symbolischem Gehalt. Wissenschaft und Aberglaube begegnen sich in diesem Jahr wie in kaum einem anderen.“ So erklärt Tanya Lieske in einer Rezension in Die Zeit am 31. Juli 2008 (Nr. 32).

Das Löwenmädchen wird in einer norwegischen Provinzstadt geboren. Die noch junge Mutter, eine Gesangslehrerin, stirbt bei der Geburt. Der Bahnhofsvorsteher und Vater hat Probleme, das äußerst abweichende Baby anzunehmen, und er trauert lange. Schließlich wird eine Amme gefunden, und das Mädchen wird zuhause getauft. Verhüllt von der Umwelt wächst Eva auf im ersten Stock des Bahnhofshauses. Sie spielt Karten mit sich selbst, liest später wissenschaftliche Bücher, wird ein mathematisches Genie und lernt durch einen freundlichen Bahnhofsmitarbeiter in Kürze das Morsealphabet.

Eva lebt die ersten Kindheitsjahre total isoliert. Nur mit dem Hausmädchen und meistens mit Tüchern verhüllt macht sie ihre Runden im Hinterhof. Zuerst mit der Schulreife lernt sie andere Kinder kennen. Wo sie auftaucht, zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich, und später im Schulhof und auf dem Schulweg wird sie gnadenlos gemobbt. Nur ein Junge nimmt sie unter seinem Schutz: Arvid. Er beschert auf ihrem Versteckstein nahe an einem Waldsee der behaarten Eva die ersten Erfahrungen über die Süße der Geschlechtlichkeit. Mit Eindringlichkeit und Menschenverständnis erzählt Eva selbst in Ichform im zweiten Romanteil über die Demütigungen, die sie auf einem Dermatologenkongress in Kopenhagen erfährt, als sie die unzähligen Untersuchungen der Ärzte über sich ergehen lassen muss. Aber sprechend für ihr Schicksal ist es gerade dort, dass sie einen anderen Sonderling begegnet, der sie die Augen öffnet für die Welt der Schaubühne, wo sie mit ihrem Fell viel Geld verdienen könnte.

LoevekvinnenEvas individuelle Außenseiterstimme bleibt lange in der Erinnerung. Fosnes Hansen gibt mit diesem Roman Achtung zu den universellen Fragen: Was macht körperliche Schönheit und Attraktivität aus? In wie weit spielt das Äußere immer eine Rolle? In einer Zeit der Körperkultur öffnet Erik Fosnes Hansen den Blick für die Einzigartigkeit des Einzelnen, so wie er in eine konkrete Inkarnation und in ein soziales Umfeld hineinritt. Durch den ganzen Roman spricht Karma sich aus, ohne dass dieser Begriff einen einzigen Mal erwähnt wird. ■

Erik Fosnes Hansen, Løvekvinnen. Roman, J. W. Cappelens Forlag AS, Oslo 2006.

Erik Fosnes Hansen: Das Löwenmädchen. Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2008.

22
Aug
2009

Romane lesen I

D
ie diesjährige Sommerfrische eignete sich gut, um Romane zu lesen, sei es an regnerischen Tagen auf dem eigenen Sofa mit Anton Bruckners romantische Symphonie Nr. 4 als musikalische Kulisse gewesen, im sonnigen Garten unter unserem neuen roten Sonnenschirm, geschützt vor der Hitze, oder mit einem Nussbecher im Blieskasteler Eiscafe, zu einem Glas Weißwein auf der Terrasse unserer Freundin ganz im Süden von Baden Württemberg oder mit Picknick am kaum zu denkenden friedlichen Strand des Vierwaldstädter Sees mit dem schweizerischen Trubel des tollen Verkehrshauses im Hintergrund.

Ein Roman lässt sich kaum nur in einem Stück lesen. Falls ich es nicht schaffe, ihn während einiger Tage oder in höchstens einpaar Wochen fertig zu kriegen, weil augenfälligere Aufgaben meine Aufmerksamkeit in Dienst nehmen, greife ich ihn wahrscheinlich nie wieder auf. Dies geschah letztens im Frühjahr mit dem Roman Mängelexemplar von Sarah Kuttner, den ich nur bis Seite 85 las. Ob ich ihn wieder aufgreife, ist fraglich. Im Spätsommer kam ich aber richtig in Fluss, und keine sorgengroßen Behinderungen meldeten sich während dieser beschaulichen Wochen, sodass ich nacheinander sogar drei Romane genießen konnte.

Während frühere Norwegenreisen erworben, hatte ich zwei nicht gelesene Romane in Norwegisch in meinen Regalen stehen: Erstens Erik Fosnes Hansens Løvekvinnen, der auf Deutsch den wahreren Titel Das Löwenmädchen trägt, zumal die Hauptperson im Buch während der Erzählung nicht erwachsen wird; zweitens Havfruestolen (Der Seejungfraustuhl) von der US-Amerikanerin Sue Monk Kidd. Ich finde es immer wieder schön, anregend und wohltuend, Bücher in meiner Muttersprache zu lesen. Da ich aber bei einem Besuch im Buchhandel den neuesten Roman vom norwegischen Autor Ketil Bjørnstad in deutscher Übersetzung entdeckte, entschloss ich mich, ihn sofort auf Deutsch zu lesen.

016_321_071Ketil Bjørnstad findet seine Melodie
Ketil Bjørnstad, geboren 1952, studierte in Oslo, London und Paris klassisches Klavier und lebt als Schriftsteller, Pianist und Komponist in Oslo. Sein musikalisches Debüt gab er schon 1969 im Philharmonischen Orchester Oslo mit Bela Bartóks 3. Klavierkonzert. Er hat eine Serie von LPs und CDs mit eigener vom Jazz und Rock beeinflusster Musik produziert und zahlreiche Romane herausgebracht. 1972 erschien sein erster Gedichtband Alene ut. Für den Roman Nåde (Gnade) erhielt er 1998 den in Norwegen renommierten Riksmålspreis. In Deutschland wurde er u. a. durch seine Romanbiographien über Edvard Munch (Insel 1995) und Edvard Grieg (Suhrkamp 1998) bekannt. Zuerst mit Vindings Spiel (Til Musikken) von 2006, dem ersten Teil der Romantrilogie über den jungen Pianisten Aksel Vinding, kam er in Deutschland auf die Bestsellerliste vom Spiegel. Dieser Roman brachte Bjørnstad auch den Durchbruch in Frankreich, wo er im vorigen Jahr dafür den Prix des Lecteurs bekam.

Der Fluß ist eine spannende Geschichte, wie der junge Komponist bevor er sein Debütkonzert abhalten kann, durch einige unerwartete Erlebnisse und viele Prüfungen gehen muss. Am Anfang beobachtet er mit einer Freundin, Rebecca, nahe an der Küste des Oslofjords, wo sie gemeinsam Ferien machen, wie mehrere Menschen einen Schiffbruch erleiden; ein Arzt ertrinkt. Durch den schnellen Einsatz der zwei jungen Musiker werden die anderen jedoch gerettet. Aksel Vinding erkennt im einen der geretteten Frauen die Mutter, Marianne Skoog, seiner im letzten Jahr durch Magersucht verstorbenen Freundin, Anja, die den Druck, dem die Musiker-Debütanten ausgesetzt waren, nicht aushalten konnte.

Als Aksel wie oft abends spazierend in der Siedlung am Rande der Hauptstadt, wo er selber aufgewachsen ist und seine Pianolehrerin auch wohnt, vor dem Haus der Skoog einen Zettel mit dem Überschrift „Zimmer mit Klavier frei“, nimmt die Geschichte ihren dramatischen Zulauf, indem bald eine Liebesbeziehung zwischen dem Jüngling und der Witwe entsteht. Mariannes Mann hatte unter öffentlich nicht bekannten Umständen den Freitod gesucht kurz nach dem Tod seiner Tochter. Aksels Erlebnisse, die in Ich-Form viele Jahrzehnte nach diesen Ereignissen erzählt werden, ereignen sich nun im Haus von Marianne, im Erlengebüsch nahe am Fluss, wo seine Mutter an einem Unfall erlag, dessen Geplätscher er von seinem neuen Mietzimmer hören kann, im Haus seiner Klavierlehrerin am anderen Seite der Fluss, am angrenzenden Waldhügel, in seiner alten Wohnung in der Stadt, die er Rebecca und ihrem Verlobten vermietet hat oder in einer prominenten Osloer Restaurant, wohin Marianne ihn unter doppelsinnigen Umständen einlädt.

Während des Winters als seine Konzertvorbereitungen ihren auch dramatischen Gang haben, entdeckt Aksel bei seiner Geliebten besondere psychische Anzeichen, die seiner Zuneigung zu ihr erschüttert. Aber auch ihr Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik bringt ihn trotz des eifrigen Versuchs Rebeccas, die etwa heikle Beziehung zu beenden, von dem Gedanken weg, dass er mit ihr seine Zukunft teilen möchte auch nach dem Debüt. Ketil Bjørnstad schafft in dieser Schilderung mehrere Höhepunkte. Eine poetische Blüte bildet die Szene, rubriziert Der Fluß (Seite 241-44), wo er alleine die Idee seiner ersten Komposition bekommt:

„Ich gehe an einem Vormittag hinunter zum Fluß und denke über alles nach, was mir durch den Kopf geht. Ich bleibe am Ufer stehen. Der Schnee schmilzt wieder. Es ist noch zu früh für den Winter.
Da höre ich den Rhythmus.
Er kommt mit dem Wasser: Wird von den Steinen erzeugt. Ein Rhythmus, wie er Marianne Skoog gefallen würde, denke ich.
Ich versuche mir den Rhythmus zu merken, den Rhythmus und den Laut. Keiner kann Wasser besser wiedergeben wie Ravel. Aber das ist etwas anderes. Das ist der Fluß. Lysakerelven. Er versucht, mir etwas zu sagen. Und in meinem jugendlichen Übermut laufe ich hinauf zum Skoog-Haus, stürze zum Flügel und spiele zum erstenmal frei.“

Wie ein Schauder überläuft den jungen Musiker ein plötzliches Glück. Oder ist es ein Schrecken? fragt er sich. Auch der Schriftsteller scheint in diesem Roman einen thematischen Rhythmus und eine anregende Wortfolge gefunden zu haben, die ihn außerhalb von Norwegen viele Leser geben könnten. Die hellen Töne der Freundschaft und der Liebe, die umwechselnden Intervalle von Freude und Ärger, das seelische Dunkel und die quälende Kälte des Zweifels und der Angst bis auf die plötzliche Konfrontation mit einem ungeahnten Selbstmord behandelt Bjørnstad mit findigen Fingern auf seine literarische Tastatur.

In einem Interview mit Ketil Bjørnstad betitelt Fjordrhythmen schrieb Carina Prange in Zeit Online folgendes:

„Lange Jahre hatte Bjørnstad sich gescheut, seine Erfahrungen als Musiker in seinen Büchern zu thematisieren: 'Ich wollte Musik und Literatur auseinanderhalten, damit es nach außen nicht wirkt, als verzettelte ich mich!' Inzwischen, mit über fünfzig, sagt er, sehe er das entspannter. Und so nimmt die Figur des Titelhelden, die des Pianisten Aksel Vinding, unverkennbar autobiografische Züge an. […] Man stolpert in dieses Buch hinein wie in einen guten Krimi – und doch ist alles dichter, intensiver. Ein dramatisches Yacht-Unglück in sommerlicher Meeresfrische setzt den Auftakt, aus dem sich die Verstrickung des Protagonisten Aksel Vinding in die nun einsetzende Handlung entwickelt. Nach und nach entblättern und entblößen sich in Folge immer tiefer liegende Schichten der agierenden Personen.“ ■


Ketil Bjørnstad, Der Fluß. Roman. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2009. ISBN 978-3-458-17425-7

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel Elven bei Aschehoug & Co, Oslo


Die Romanleseerlebnisse werden fortgesetzt.

19
Jul
2009

Freiheit ist Haut

460px-Martin_Schongauer_Anbetung-der-Hirten-AusschnittE
ine Idee um das Ringen der individuellen Selbständigkeit und Freiheit wollte eben geboren werden. Es fühlte sich, als ob sie in der Seele schwamm. Ein Gedanke, der in einem anderen Element existieren kann, der berührt werden kann, ohne zu vergiften oder zu verletzen? Ein Gedanke, der ertastet werden darf? Nicht nur begriffen? Wie sollte ein solcher Gedanke geboren werden, der kosmopolitisch global und nicht fundamentalistisch selbstmörderisch werden soll? Ein Gedanke, der nie zur Bombardierung einer Stadt führt? Und auch nicht zu Flugzeugentführungen? Ein Gedankenflug, der nie einen Handgranat auslöst, obwohl er in NATO-Norwegen erzeugt wird?

Kann radikaler Individualismus wirklich ethisch umsichtig sein? Ohne zu destruktiver Anarchie zu führen? Ethischer Individualismus! Ich schmeckte die Worte ab und glaubte, sie wieder zu erkennen, aber konnte nicht erinnern, wann und bei wem ich sie gelesen hatte. War es bei Ibsen? Nein, gar nicht. Sicher auch nicht bei Nietzsche. Vielleicht bei Paramahansa Yogananda? Oder hatte der Wahrheitsforscher aus Zypern, Daskalos, sie erwähnt?

Jemand zu berühren, ist eine individuelle Aktion, etwas ganz Persönliches, wenn es sich nicht um etwas mehr übergeordnet handelt, etwa wie, wenn man bei einem Reigentanz sich in den Händen hält oder sich in einer Menschenkette bewegt, um eine Gelände nach einer verschwundenen Person abzusuchen. Einander mit der Hand zu grüßen und gleichzeitig sagen „Danke für den letzten Treffen“ – wie es unter Norwegern üblich ist – oder sich umarmen und auf die Wange küssen als Zeichen einer fröhlichen Wiederbegegnung, ist eine schöne Tradition.

Ist Berührung väterlich? Alle Berührung sollte begleitet werden von etwas Ähnliches wie die väterliche Verantwortung. Wenn Würde und Achtsamkeit nicht anwesend ist, ist die Berührung unangemessen oder kann sogar gewalttätig erlebt werden. Ist Schmerz mütterlich? Alle Schmerz ist für den Erlebenden irgendwie fürsorglich. Ist es albern sich in Tagträumen dahinzuphantasieren? Die Kindheit ist phantasievoll. Phantasie führt zu Kunst. Und Kunst ist heilend, ohne, dass sie als Therapie direkt verwendet werden muss. Kindliches Denken heilt definitiv psychische Wunden. Das innere Kind als Hausarzt.

Schaue ich einen brillanten neuen Gedanken in den Augen, ähnelt es das Berühren der Haut eines neugeborenen Babys. Dann ist es Liebe auf den ersten Blick. Sauber und frei und empfangen. Ist Freiheit vielleicht oft so hilflos überlassen der Fürsorge der Erwachsenen wie ein Sprössling, das gerade aus der Gebärmutter gekommen ist? Alle wahre Freiheit müsste begleitet werden von äußerst mächtigen Wehen und von weiblicher Urkraft. Die realen Geburten, die ich als Vater mitmachen durfte, überzeugten mich von dieser Lebensenergie einer weiblichen Inkarnation.

Ich etwa presste nun mit dem Willen und hielte unwillkürlich den Atem einen Moment an. War ich einbisschen verrückt geworden? Vielleicht schizophren? Oder psychotisch, wie wirklich Agnes einmal behauptet hatte – und nicht nur sie, sondern einpaar meiner ehemaligen besten Freunde hatten damals, als ich mit eigenhändigen spirituellen Erfahrungen aufgewartet hatte, mir geraten, zu einem Psychiater zu gehen. Davor war ich nicht abgeneigt, aber wer hätte das bezahlen sollen? Keine der Vorschlagsteller waren dazu bereit, sodass ich immer noch mit diesen Erfahrungen auf freiem Fuß bin.

Freiheit ist Haut.

Flugs kam ‚er’ ohne ‚Blut’. Hatte ich Schweißperlen an der Stirn? Er? Wie ein kleiner willensstarker Säugling fühlte sich die Idee. Und denke sich, einen Stier noch! Ich würde das Horoskop später stellen. Der Gedanke war geboren, denn es fühlte sich wie eine körperliche Leistung. Von der Straße in das Cafe kam just eine Familie mit mehreren Kleinkindern herein, aber in meiner unsichtbaren Innenwelt war es, als ob ich gerade absolut allein eine ordnungsgemäße Geburt vollbracht hatte. Wie sollte ich mit der ‚Nabelschnur’ umgehen? Und plötzlich hatte ich einen ‚Mutterkuchen’ im Schoss. Wo sollte ich ihn ‚begraben’? Welche Art von Baum sollte ich über dem Mutterkuchen der Freiheit anpflanzen? Vielleicht einen Kirschbaum?

Freiheit ist dieses Unsagbare, welches drinnen lebt, das sich nichtsdestoweniger nach außen wendet. Die Freiheit wird bald mit reinem Gesicht gegen den Wind auf der Straße stehen. Vielleicht angezogen, aber sicher ohne Wollhandschuhe und gewiss ohne Make-up. Möglicherweise neu rasiert, falls sie einmal männlich erwachsen sein wird. Freiheit ist Haut. Die Erkenntnis schaffte plötzlich über meinen ganzen Körper eine Gänsehaut, zumal eine solche Einsicht ganz neu war.

Freiheit braucht Hülle. Sie muss mit Vorsicht handhabt werden. Sie umschließt einen lebendigen Organismus, der sich gegenüber der Welt begrenzen muss, aber doch sich in ihr frei bewegen will, ohne sich selbst zu verlieren. Jedes Lebewesen hat Haut, hat eine atmende Membran als Grenze zwischen sich und allem, was rundum ist. Und dennoch muss die Freiheit selbstverwaltend, grenzüberschreitend und unüberwindlich sein. Neugeborene individuelle Freiheit, welche die Welt mit ganz neuen Augen anschaut, muss erlaubt sein, einwenig Zeit Baby zu sein, obwohl sie sicherlich lernt, sich auf eigenen Füßen zu stellen genauso schnell wie ein Fohlen.

Lange hatte ich sie tief im Unterbewusstsein getragen. Wie ein Walfisch war sie tief im jungschen Ozean umher geschwommen, ohne ihre glatte Haut und ihren großen Leib zu offenbaren. Ist Walfang Freiheitsentziehung? Alle meine Migränejahre kamen mir plötzlich vor, als seien sie die Geburtswehen der Freiheit gewesen. Wie lange schon hatte diese Schwangerschaft bestanden? Seit dem Outing vor zehn Jahren? Wenn auch, dann ist es keine Frühgeburt! Hätte ich denn geahnt, dass Freiheit nach diesem Dezennium der Kalamitäten herauskommen würde? Wer hat hier eigentlich mir den ‚Samen’ gegeben, falls ich selbst mit dem ‚Ei’ als das weibliche Prinzip beigetragen habe? Ich überlegte es jetzt, auch wenn die Antwort tatsächlich gegeben war und bald darauf in eigener Person auftauchte.

(Übersetzter Auszug eines Romanmanuskripts, dessen Originalsprache Norwegisch ist.)

Bild: Martin Schongauer (um 1445/50-90), Anbetung der Hirten (Ausschnitt). Quelle: Wikipedia
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