Poesiemeditation
Gedichte selbst zu schreiben und Gedichte von anderen zu lesen gehört zum Schönsten im Leben für viele Menschen – und für mich. Die Begeisterung für und an der Sprache öffnet manchmal feine Herangehensweisen an die äußere Welt und and die inneren Welten. Dichtung und Poesie noch intensiver zu pflegen, kann außerdem eine gute Vorbereitung für ein höheres, meditatives Bewusstsein sein. Angefangen mit Gedichten, Sprüchen und Mantren führt die Meditation jenseits von Wort und Begriff. Ein meditativer Umgang mit dem Poetischen arbeitet u. a. mit Entfaltungen oder Metamorphosen. Ich setze mich hin und schreibe einige Strophen oder ich suche ein geliebtes Gedicht von einem Dichter aus. Mit einem befindlichen Gedicht, mit zwei Zeilen von Hans Carossas Geheimnisse des reifen Lebens (1936) lässt sich eine angenehme, feinsinnige Meditation entwickeln:
Es gibt kein Ende,
Nur glühendes Dienen.
Zerfallend senden
Wir Strahlen aus.
Zuerst wird das kleine Gedicht gelesen, am besten laut, so dass ich die Vokale und Konsonanten höre und quasi im Mund erlebe, wie die Zunge und die Lippen die Laute des Gedichts gegen die Zähne und den Gaumen wie plastisieren. Ich tue es mehrmals, und dann lese ich es erneut still. Beim Lesen versuche ich zunächst, meine subjektive Interpretation zu finden, ehe ich versuche, zu verstehen, was der Dichter wohl gemeint hat, was ihn eventuell bewegt hat, es so zu schreiben. Um nicht sofort in ein intellektuelles Verfahren zu kommen, gehe ich einen erinnerungsmäßigen oder bildhaften Umweg. Ich bleibe dabei sachlich und ganz konkret. Ich erinnere mich, ob und wann ich „kein Ende“ erlebt habe. Ich denke an lange Reisen und Wanderungen, die mich zuweilen sehr müde machten. Ich versuche das Dauerhafte, das Beständige, das Fortgesetzte in meinem Leben zu erkennen.
Ich denke an das Generationserbe in meinen Adern. Wie hat mein Großvater mütterlicherseits gelebt, der 1963 starb, als ich 9 Jahre alt war? Habe ich mit ihm irgendwelche Ähnlichkeiten? Habe ich später das Motorradfahren angefangen und so toll gefunden, weil ich schon als 5-jähriger mit ihm gerollt bin? Ich bedenke alte Traditionen und Lebensformen die weiterhin mein ganzes Leben beherrschen – wie z. B. den schönen Gebrauch des Weihnachtsbaumes, dass ich in einigen Tagen kaufen werde, und nicht mehr direkt aus dem Wald holen, wie ich es jahrelang in Skandinavien getan hatte.
Ich schaue aus dem Fenster in die Ferne. Mein Blick geht zum Waldrand, zum blauen Himmel mit den flaumigen Wolken, zum Weltenraum. Gibt es kein Ende? Wann habe ich etwas Glühendes erlebt? Was glühte? Wie glühte es im Kaminfeuer auf der Hütte, auf der Wiese nach dem Johannifeuer? Wann entsteht in einem Feuerprozess das Glühen? Wie glüht Birkenholz, wie anders glüht eine Wurzel der Kiefer? Was war vorher und was kommt danach? – Und das Dienen? In welcher Art habe ich einmal gedient? Wem habe ich gedient? Gab es eine Belohnung? Bin ich enttäuscht gewesen, als es einmal keine Anerkennung gab? Wie kann das Glühende mit Dienerschaft verbunden werden? Durch die Fragen individualisiere ich den inneren Prozess und belebe die Varianten des Dienens! Wo liegt der Unterschied zwischen Gehorchen und Beistehen? Kenne ich Menschen, die diese Fähigkeiten haben? Was charakterisiert ein Tier, einen Mensch, ein geistiges Wesen, die solche Fähigkeiten des Helfens haben? Wie dienen Engel? – „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen.“ Welche Tätigkeit, Eigenschaft oder Tugend wird damit gemeint? Wem wird gedient? Was können wir dabei tun? Was geht immer weiter? Warum entsteht bei diesem Wirken kein Burn-out-Syndrom?
„Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Wann, wo und wie habe ich etwas Zerfallendes erlebt? Was ist zusammengefallen? Habe ich einen Hausbrand miterlebt oder Bombardement und Krieg? Nein, ich habe nur davon gehört. Welches Welken und Sterben habe ich in der Natur gesehen? Wie sah das Pflanzenleben aus und was kam danach? War ich dabei, als ein Mensch gestorben ist? Nein, aber kurz danach kam ich heran und habe Sterbewachen miterlebt. Deswegen kenne ich die Ästhetik des Gesichts eines Verstorbenen und einmal habe ich Rudolf Steiners Totenmaske in Dornach gesehen. Ich erinnere mich an Briefe, Postkarten oder Emails, die ich geschickt habe. Wem habe ich Liebesbriefe geschickt? Was habe ich damit angestrebt oder beabsichtigt? Meine Stimme ist schon per Rundfunk übertragen worden. Welche Art sichtbarer und unsichtbarer Strahlen habe ich erlebt? Habe ich Röntgenbestrahlung erhalten? Als die Tschernobyl-Katastrophe im Frühjahr 1986 stattfand, befand ich mich in Mittel-Schweden. Im Nord-Schweden war der radioaktive Niederschlag so groß, dass es lange Zeit verboten war, Wildfleisch zu essen. Das war für die Rentierhaltung ein schwerer Schlag.
Was verbinde ich damit, wenn jemand sagt, dass ich eine gute Ausstrahlung habe? Wie beschreibe ich, dass Menschen unterschiedliche aurische Leuchtkräfte haben? „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen. Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Ich probiere, statt des „wir“ zuerst ich zu meditieren. Zu welcher inneren Haltung komme ich, wenn ich versuche, diesen Zustand seelenkräftig, bildhaft und imaginativ zu erzeugen? Dann lasse ich das Wir zu. Welche anderen Menschen würde ich zu meinem Wir rechnen? An welche Individualitäten und Geistwesen dürfte dabei gedacht werden? Ich verfolge den Weg eines solchen Strahls. Welche Lichtqualität, Farbnuance und Substantialität hat mein Strahl? Wie fühlt es sich an, Glut zu sein, die Enthusiasmus ausstrahlt? Wie fühlt es sich an, sonnenhaft oder sternähnlich zu sein, wenn ich reine Liebe, umfassende Weisheit oder selbstbestimmende Freiheit geben würde?
Ich sende den Strahl in einer Richtung hinaus, die einen bestimmten Ort auf der Erde in der Gegenwart treffen soll. Wo kommt der Strahl hin? Trifft er auf die Erde, auf eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen, ein Haus, ein Auto? Welches Tier ist es oder welche Marke hat das Auto? Ich verweile bei dem Ding, dem Objekt oder dem Wesen, das den Strahl empfangen hat. Wie wird der Strahl eventuell erlebt? Was bewirkt dieser, Strahl in der entsprechenden Gestaltung? Ich tue Ähnliches, wenn ich vorher das Ziel des Strahls festgelegt habe. Wohin und zu wem schicke ich dann meine Strahlen? Nach Järna, nach Dornach oder and die Egoisten?
Was halte ich für den wichtigsten Begriff im Gedicht von Carossa? Ich versuche, die Betonung auf verschiedene Begriffe und Stellen in der inneren Tätigkeit zu legen. – Was verstehe ich und was tue ich bei „zerfallend“? Wie kann ich beim ständigen Zerfallen, Zugrundegehen und mich Loslassen eine fortführende meditative Aktivität betreiben? Welcher Teil meines Wesens muss in Erscheinung treten oder tätig werden, damit ich mein Bewusstsein nicht verliere? Welche Kraft im Zerfallen überwältigt mich, wenn ich in der Meditation einschlafe? Ich kann versuchen, das Einschlafen und das Aufwachen bewusst zu üben. Wie mache ich denn das? Vielleicht indem ich mich so verhalte, wie die Hirten im Oberuferer Christgeburtspiel – mit den Rücken zueinander! Durch den Schlaf hören sie die Schalmeientöne, und infolgedessen können sie den Weg zum Neugeborenen finden. ■
Bild: Oberuferer Christgeburtspiel in der Rudolf Steiner-Schule-Pötzleinsdorf. Foto von Alexander Schleissing. Quelle: waldorfschule-poetzleinsdorf.at
Freelancer - 17. Dez, 18:08
Wenn Ich das wirklich erfahre – also keine Theorie darum bilde, sondern wirklich nass im Regen stehe und erlebe „Regen fällt – und noch mehr“ – dann verstehe ich vielleicht auch etwas vom Ich und vom Glück. Da gibt es ein Es. Das Es ist Glück. Und es gibt ein Ich. Glück stellt sich im Ich ein. Und das ist schon etwas mehr als das Nichts. Ich könnte auch das Es aus dem Nichts schöpfen, aber nur durch das Ich und aus ihm heraus. Es gibt eine geistige Welt „immerwo“. Ich bin eine geistige Welt jetzt und hier. 

