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Meditation

17
Dez
2009

Poesiemeditation

Weihnachtsspiel-2005-000066G
edichte selbst zu schreiben und Gedichte von anderen zu lesen gehört zum Schönsten im Leben für viele Menschen – und für mich. Die Begeisterung für und an der Sprache öffnet manchmal feine Herangehensweisen an die äußere Welt und and die inneren Welten. Dichtung und Poesie noch intensiver zu pflegen, kann außerdem eine gute Vorbereitung für ein höheres, meditatives Bewusstsein sein. Angefangen mit Gedichten, Sprüchen und Mantren führt die Meditation jenseits von Wort und Begriff. Ein meditativer Umgang mit dem Poetischen arbeitet u. a. mit Entfaltungen oder Metamorphosen. Ich setze mich hin und schreibe einige Strophen oder ich suche ein geliebtes Gedicht von einem Dichter aus. Mit einem befindlichen Gedicht, mit zwei Zeilen von Hans Carossas Geheimnisse des reifen Lebens (1936) lässt sich eine angenehme, feinsinnige Meditation entwickeln:

Es gibt kein Ende,
Nur glühendes Dienen.
Zerfallend senden
Wir Strahlen aus.


Zuerst wird das kleine Gedicht gelesen, am besten laut, so dass ich die Vokale und Konsonanten höre und quasi im Mund erlebe, wie die Zunge und die Lippen die Laute des Gedichts gegen die Zähne und den Gaumen wie plastisieren. Ich tue es mehrmals, und dann lese ich es erneut still. Beim Lesen versuche ich zunächst, meine subjektive Interpretation zu finden, ehe ich versuche, zu verstehen, was der Dichter wohl gemeint hat, was ihn eventuell bewegt hat, es so zu schreiben. Um nicht sofort in ein intellektuelles Verfahren zu kommen, gehe ich einen erinnerungsmäßigen oder bildhaften Umweg. Ich bleibe dabei sachlich und ganz konkret. Ich erinnere mich, ob und wann ich „kein Ende“ erlebt habe. Ich denke an lange Reisen und Wanderungen, die mich zuweilen sehr müde machten. Ich versuche das Dauerhafte, das Beständige, das Fortgesetzte in meinem Leben zu erkennen.

Ich denke an das Generationserbe in meinen Adern. Wie hat mein Großvater mütterlicherseits gelebt, der 1963 starb, als ich 9 Jahre alt war? Habe ich mit ihm irgendwelche Ähnlichkeiten? Habe ich später das Motorradfahren angefangen und so toll gefunden, weil ich schon als 5-jähriger mit ihm gerollt bin? Ich bedenke alte Traditionen und Lebensformen die weiterhin mein ganzes Leben beherrschen – wie z. B. den schönen Gebrauch des Weihnachtsbaumes, dass ich in einigen Tagen kaufen werde, und nicht mehr direkt aus dem Wald holen, wie ich es jahrelang in Skandinavien getan hatte.

Ich schaue aus dem Fenster in die Ferne. Mein Blick geht zum Waldrand, zum blauen Himmel mit den flaumigen Wolken, zum Weltenraum. Gibt es kein Ende? Wann habe ich etwas Glühendes erlebt? Was glühte? Wie glühte es im Kaminfeuer auf der Hütte, auf der Wiese nach dem Johannifeuer? Wann entsteht in einem Feuerprozess das Glühen? Wie glüht Birkenholz, wie anders glüht eine Wurzel der Kiefer? Was war vorher und was kommt danach? – Und das Dienen? In welcher Art habe ich einmal gedient? Wem habe ich gedient? Gab es eine Belohnung? Bin ich enttäuscht gewesen, als es einmal keine Anerkennung gab? Wie kann das Glühende mit Dienerschaft verbunden werden? Durch die Fragen individualisiere ich den inneren Prozess und belebe die Varianten des Dienens! Wo liegt der Unterschied zwischen Gehorchen und Beistehen? Kenne ich Menschen, die diese Fähigkeiten haben? Was charakterisiert ein Tier, einen Mensch, ein geistiges Wesen, die solche Fähigkeiten des Helfens haben? Wie dienen Engel? – „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen.“ Welche Tätigkeit, Eigenschaft oder Tugend wird damit gemeint? Wem wird gedient? Was können wir dabei tun? Was geht immer weiter? Warum entsteht bei diesem Wirken kein Burn-out-Syndrom?

„Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Wann, wo und wie habe ich etwas Zerfallendes erlebt? Was ist zusammengefallen? Habe ich einen Hausbrand miterlebt oder Bombardement und Krieg? Nein, ich habe nur davon gehört. Welches Welken und Sterben habe ich in der Natur gesehen? Wie sah das Pflanzenleben aus und was kam danach? War ich dabei, als ein Mensch gestorben ist? Nein, aber kurz danach kam ich heran und habe Sterbewachen miterlebt. Deswegen kenne ich die Ästhetik des Gesichts eines Verstorbenen und einmal habe ich Rudolf Steiners Totenmaske in Dornach gesehen. Ich erinnere mich an Briefe, Postkarten oder Emails, die ich geschickt habe. Wem habe ich Liebesbriefe geschickt? Was habe ich damit angestrebt oder beabsichtigt? Meine Stimme ist schon per Rundfunk übertragen worden. Welche Art sichtbarer und unsichtbarer Strahlen habe ich erlebt? Habe ich Röntgenbestrahlung erhalten? Als die Tschernobyl-Katastrophe im Frühjahr 1986 stattfand, befand ich mich in Mittel-Schweden. Im Nord-Schweden war der radioaktive Niederschlag so groß, dass es lange Zeit verboten war, Wildfleisch zu essen. Das war für die Rentierhaltung ein schwerer Schlag.

Was verbinde ich damit, wenn jemand sagt, dass ich eine gute Ausstrahlung habe? Wie beschreibe ich, dass Menschen unterschiedliche aurische Leuchtkräfte haben? „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen. Zerfallend senden wir Strahlen aus.“ Ich probiere, statt des „wir“ zuerst ich zu meditieren. Zu welcher inneren Haltung komme ich, wenn ich versuche, diesen Zustand seelenkräftig, bildhaft und imaginativ zu erzeugen? Dann lasse ich das Wir zu. Welche anderen Menschen würde ich zu meinem Wir rechnen? An welche Individualitäten und Geistwesen dürfte dabei gedacht werden? Ich verfolge den Weg eines solchen Strahls. Welche Lichtqualität, Farbnuance und Substantialität hat mein Strahl? Wie fühlt es sich an, Glut zu sein, die Enthusiasmus ausstrahlt? Wie fühlt es sich an, sonnenhaft oder sternähnlich zu sein, wenn ich reine Liebe, umfassende Weisheit oder selbstbestimmende Freiheit geben würde?

Ich sende den Strahl in einer Richtung hinaus, die einen bestimmten Ort auf der Erde in der Gegenwart treffen soll. Wo kommt der Strahl hin? Trifft er auf die Erde, auf eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen, ein Haus, ein Auto? Welches Tier ist es oder welche Marke hat das Auto? Ich verweile bei dem Ding, dem Objekt oder dem Wesen, das den Strahl empfangen hat. Wie wird der Strahl eventuell erlebt? Was bewirkt dieser, Strahl in der entsprechenden Gestaltung? Ich tue Ähnliches, wenn ich vorher das Ziel des Strahls festgelegt habe. Wohin und zu wem schicke ich dann meine Strahlen? Nach Järna, nach Dornach oder and die Egoisten?

Was halte ich für den wichtigsten Begriff im Gedicht von Carossa? Ich versuche, die Betonung auf verschiedene Begriffe und Stellen in der inneren Tätigkeit zu legen. – Was verstehe ich und was tue ich bei „zerfallend“? Wie kann ich beim ständigen Zerfallen, Zugrundegehen und mich Loslassen eine fortführende meditative Aktivität betreiben? Welcher Teil meines Wesens muss in Erscheinung treten oder tätig werden, damit ich mein Bewusstsein nicht verliere? Welche Kraft im Zerfallen überwältigt mich, wenn ich in der Meditation einschlafe? Ich kann versuchen, das Einschlafen und das Aufwachen bewusst zu üben. Wie mache ich denn das? Vielleicht indem ich mich so verhalte, wie die Hirten im Oberuferer Christgeburtspiel – mit den Rücken zueinander! Durch den Schlaf hören sie die Schalmeientöne, und infolgedessen können sie den Weg zum Neugeborenen finden. ■

Bild: Oberuferer Christgeburtspiel in der Rudolf Steiner-Schule-Pötzleinsdorf. Foto von Alexander Schleissing. Quelle: waldorfschule-poetzleinsdorf.at

3
Nov
2009

Tempel des Geistes – die meist verborgenen Heiligtümer der Seele

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Perugino (um 1445/1448-1523), Christus übergibt Petrus die Schlüssel. Quelle: Wikipedia

W
ir reden vom Unterbewusstsein als etwas, was wir durch normales Tagesbewusstsein kennen würden. Wir kennen es aber nur soviel, wie etwas aus dem Unbewussten zum Vorschein kommt und uns über dieses Außerbewusste indirekt informiert. Wenn es um Erinnerungen gehen, kenne ich z. B. den sehr bekannten Vorgang, dass ich nach einer bestimmten Erinnerung suche – etwa den Namen einer Person – und nicht sofort sie herholen kann. Zuerst wenn ich nicht mehr dringlich direkt auf das Gedächtnis, wo ich weiß, dass sie ‚schlummert’, hinziele, kann ich mich etwas erinnern. Gehe ich nun einpaar äußerliche Schritte, taucht meistens wieder der Name auf, der ‚auf der Zungenspitze’ lag. Wir können solche subjektiven Seelenvorgänge beobachten und mit ihnen auch meditativ übend umgehen, sodass „schlummernde Seelenfähigkeiten“ (Rudolf Steiner) entwickelt werden, die wir für höhere Bewusstseinszustände benötigen.

Die sogenannte anthroposophische Meditation, die er schuf, befasst sich sowohl mit Erinnerungen, die auf das physische Leben zurückzuführen sind, als auch mit Motiven, die von der äußeren Welt losgelöst sind. Das sind z. B. Sinnbilder wie das Rosenkreuz, dessen meditativen Handhabung Steiner im Buch Die Geheimwissenschaft im Umriß (im Kapitel Die Erkenntnis der höheren Welten, GA 13) beschrieben hat. Sie können in ihren einzelnen Bestandteilen gewiss auf physische Tatsachen zurückgehen. In der Meditation können sie aber in einer neuen, freien Kombination handhabt werden. Wenn ich über sie und mit ihnen wiederkehrend meditativ verweile, alsdann die daraus entstandenen inneren Bilder immer wieder auslösche und erneut aufbaue, werden die Seelenfähigkeiten erweckt, die für die erste Stufe des höheren Bewusstseins, das imaginative Erkenntnis, nötig sind. Gerade auf das Auslöschen und auf die Neugestaltung des Imaginierten kommt es an. Steiner betonte, dass es auf den Inhalt der Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, nicht ankommt, sondern auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben herangebildet wird.

Nichtsdestotrotz gibt es innere Bilder oder Imaginationen, die wir quasi behalten dürfen. Ich muss sie also nicht während der Meditation wegschaffen, um die geistige Objektivität zu erlangen. Rudolf Steiner schreibt: „Eine Ausnahme von dieser Möglichkeit des Auslöschens macht nur eine Gruppe von inneren Bilderlebnissen, die auf der erlangten Stufe der Geistesschulung nicht [Betonung von Steiner. JS] auszulöschen ist. Diese entspricht dem eigenen Seelen-Wesenskerne; und der Geistesschüler erkennt in diesen Bildern dasjenige in ihm selber, welches sich als sein Grundwesen durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem Punkte wird das Erfühlen von wiederholten Erdenleben zu einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles übrige muß die erwähnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst, nachdem man die Fähigkeit der Auslöschung erlangt hat, tritt man an die wirkliche geistige Außenwelt heran. An Stelle des Ausgelöschten kommt ein anderes, in dem man die geistige Wirklichkeit erkennt.“

Als Sinnbild für das geistige Grundwesen des Menschen, das durch Reinkarnation und Karma sich seelisch vervollkommnen kann, können wir ein leuchtender Stern nehmen. Die wirklichen Sterne am Firmament sind geistig betrachtet keine gigantischen Detonationskörper sondern Götterwohnungen. In der sogenannten 11. Klassenstunde – das Rudolf Steiner am 2. Mai 1924 gab, während er einleitend vom Todesfall der außergewöhnlichen künstlerisch und in der Esoterik tätig gewesenen Mitarbeiterin Edith Maryon berichtete – beschrieb er den Zusammenhang zwischen dem Ich als geistige Wesenskern mit der ganzen Menschennatur, der meditativ entdeckt werden kann als nichts anderes als ein Tempel der geistigen Hierarchien, mit denen man in innerer Zwiegespräch stehen kann. (Vgl. Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, 2. Band, GA 270/I-IV, Dornach 1999) Das meditative und mantrische Gut dieser von Steiner gegründeten esoterischen und heute weltweiten Hochschule mit dem Zentralsitz in Dornach ist seit bald 20 Jahren öffentlich zugänglich. Während 25 Jahre bis 2000 war ich selbst Mitglied derselben und genoss bis dahin die Möglichkeit, sowohl individuell als auch in Arbeitsgruppen Steiners Lehrinhalte in Einvernehmen mit der Hochschulleitung zu vertiefen. Teilweise verbunden mit dem meditativen Üben dieser aber auch durch das Meditieren anderer anthroposophischen Inhalte erfuhr ich den Wahrheitsgehalt der Tempel des Geistes, mit denen „das Erfühlen“ und die Erkenntnis „von wiederholten Erdenleben“ verbunden waren und sind.

Eine Teilnahme oder eine Mitgliedschaft in der esoterischen Kooperation der Anthroposophen sei nicht unentbehrlich, um in ein geistiges Tempel Zutritt zu finden, auch wenn eine derartige Vorbereitung im individuellen Fall gewiss befördernd sein kann, sofern die darin eventuell existierenden Rangsysteme und Doktrinen den individuellen esoterischen Pfad nicht durchkreuzen. Die Worte Rudolf Steiners in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (GA 10, Kap. Bedingungen) – das vor genau 100 Jahren zum ersten Mal in Deutschland als Buch verlegt wurde; eine englische und eine norwegische Ausgabe erschienen schon 1908 – dürften noch heute volle Gültigkeit haben für jeden Geistesschüler:

„Es hat, seit es ein Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung gegeben, durch die solche, die höhere Fähigkeiten hatten, denen Anleitung gaben, die ebensolche Fähigkeiten suchten. Man nennt solche Schulung Geheimschulung; und der Unterricht, welcher da empfangen wird, heißt geheimwissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. […] Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Richtung ist mit unauslöschbaren, ewigen Buchstaben vorgezeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten die höheren Geheimnisse behüten. In alten Zeiten, die vor unsrer ‚Geschichte’ liegen, waren die Tempel des Geistes auch äußerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungeistig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, die dem äußeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig überall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden.“

Ehe man ein solches Tempel des Geistes gefunden hat, kann man sich darauf vorbereiten, indem ein Gesamtbild eines Tempels mit allen Bestandteilen des Außenraums und des Interieurs in der Meditation quasi erbaut wird. Man kann von bekannten architektonischen und künstlerischen Elementen und von geographischen Ortschaften ausgehen, ohne deswegen sich in Details zu verlieren. Schließlich geht es darum, die gewählten Vorstellungen in den Charakter der Sinnbilder umzuformen. Das Erleben des Äußeren auf diesem imaginären Ort bis zu dessen Himmel, das Erleben des ganzen Umfeldes bis zum Horizont kann quasi ‚abgelauscht’ werden. Die ideellen Innenräume können auch ‚gehört’ werden. Der geistige Hintergrund des Tönens, das einem aus dem eigenen intimen Inneren zukommen kann, wenn solche Sinnbilder aufgebaut und wieder gelöscht werden, ist die Tätigkeit zunächst des eigenen Engels und später die der höheren Hierarchien.

Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von einem ideellen Geschehen, wo die Meditation zu etwas wird, was jenseits des intellektuellen Denkens, des subjektiven Fühlens und des bürgerlichen Wollens geschieht. In einer solchen Tempelarbeit „umwebt, umschwebt, umschwirrt, umströmt und umstrahlt“ – so Rudolf Steiner – uns die geistige Welt selbst. Falls ein Eingeweihter, der in einem geistigen Tempel zuhause ist, dem Geistesschüler dort empfängt, geschieht dies nicht durch den Zuruf des irdischen, bürgerlichen Namens der Persönlichkeit sondern durch den ewigen Geistnamen der Individualität, die dort ‚registriert’ ist. Während meines zweiten Russlandsaufenthalts Ende Oktober 2009 standen die Suche geistiger Tempel und das ideelle Üben daran im Mittelpunkt der meditativen Karmaarbeit mit den Teilnehmern aus Jaroslawl, aus Moskau, aus St. Petersburg und aus Waldai. ■

20
Sep
2009

Im Regen des wahren Ich

D
raußen vor meinem Fenster regnet es. Leise regnet es. – Ich meditiere einmal stumm den folgenden Satz: „Es regnet“. Und dabei stelle ich mir vor, wie es wirklich ist, wenn es regnet. Wie ist das? Regnet es? Ja es regnet. Das Wort „es" ist dann nicht bloß ein Wort. Sobald ich wirklich im Regen stehe, hat das Wort „es“ eine übergeordnete (oder auf eine andere Realität hinweisende) Wirklichkeit. Dann ist es so: Regen fällt. Da fällt kein „es“. Das Es bleibt „hängen“ in der geistigen Realität des Seins. Regen fällt. Und das Es bleibt immer trocken. Sowie mein Ich auch. Nur wenn Es trocken bleibt, können die Regentropen sich glücklich fallen lassen. Wenn ich „Es regnet“ meditiere, wird das Es sogar wichtiger als jeden Regentropfen, und wichtiger als die Wolke, aus der sie gekommen sind.

180px-Schwebender_tropfenWenn Ich das wirklich erfahre – also keine Theorie darum bilde, sondern wirklich nass im Regen stehe und erlebe „Regen fällt – und noch mehr“ – dann verstehe ich vielleicht auch etwas vom Ich und vom Glück. Da gibt es ein Es. Das Es ist Glück. Und es gibt ein Ich. Glück stellt sich im Ich ein. Und das ist schon etwas mehr als das Nichts. Ich könnte auch das Es aus dem Nichts schöpfen, aber nur durch das Ich und aus ihm heraus. Es gibt eine geistige Welt „immerwo“. Ich bin eine geistige Welt jetzt und hier.

Und bin ich physisch nicht mehr hier, dann bin ich geistig in der Welt. Ich bin immer als Ich irgendwo und überall; und nur in deinem Ich kann ich sein, falls du es bemerkst durch meine Liebe. Hier und dort und in der Ewigkeit mittendrin in der Liebe können wir als Iche einander bemerken. Und ein Kuss ist nichts als Regen. Nicht es küsst, sondern wir küssen. Auch im Regen. Auch wenn ich „Es regnet“ meditiere. Und besonders dann. Dann küsse ich das Es, und „es“ heißt Anthroposophia. Mit Rudolf Steiners Worten sehr viel trockener, in welche ich jedoch mein ganzes Seelenwetter, meinen Ich-Bach hineingießen kann, und dann entsteht Erkenntnis, Ich-Erkenntnis:

„Und gelangt man nun dazu, wenn man auf diese Weise die Erfahrungen der schweigenden Seele erlebt, zu erkennen: Was du da zuerst gehabt hast, diese Welt des verstärkten Denkens, das ist im Grunde genommen nur ein Bild, ein Bild von dem, was du jetzt erst schaust. Und jetzt kommt man auch in die Lage, dieses ganze Lebenstableau, das man sich zuerst gebildet hat, das das Erdenleben ätherisch vor uns hinzaubert, auch auszulöschen, so dass gegenüber dem eigenen Leben, wie wir es auf Erden führen, nun auch die innere Schweigsamkeit der Seele auftritt. Die Illusion jenes Ichs, das nur mit dem physischen Leibe leben kann, die hört jetzt auf. Derjenige, der zu stark durch einen theoretischen oder praktischen Egoismus an seinem Ich festhält, der kommt nicht dazu, dieses Schweigen der Seele gegenüber dem eigenen Lebenstableau herzustellen. Bekämpft man den theoretischen und praktischen Egoismus, wird man sich klar darüber, dass man zunächst ja dieses Ich dadurch hat, dass man sich im physischen Leben seines Körpers bedienen kann, dass der Körper uns die Möglichkeit gibt, zu uns Ich zu sagen. Kommt man dann von diesem körperlichen Ich-Empfinden in das, was ich als ätherische Welt geschildert habe, hinein, wo man zusammenströmt mit der Welt, wo die Welt ätherisch eins ist mit dem eigenen Ätherischen, dann kommt man schon dazu, an diesem Ich nicht mehr festzuhalten, und dann erlebt man dasjenige, von dem dieses Lebenstableau, zu dem man sich aufgeschwungen hat, ein Abbild ist. Man erlebt sein vorirdisches Dasein.“ (Was wollte das Goetheanum und was soll die Anthroposophie, GA 84, Dornach 1961, Seite 28ff)

Bild: Schwebender bzw. fallender Tropfen. Quelle: Wikipedia

13
Jul
2009

Wohlriechendes Wesen

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enn ich meditativ die Situation erreicht habe, im reinen Geist zu verweilen, und in einer Begegnung mit einem anderen Wesen mich befinde, wie erkenne ich, dass dieses Wesen mir wohlgesinnt ist? Wie unterscheide ich zwischen Wesen und Wesen? Wie erscheint Luzifer, wie erscheint Ahriman in meinem höheren Bewusstsein? Es besteht beispielsweise die Situation nach einer karmischen Erkenntnis über mich selbst, die mehrere Sequenzen aus einer früheren Inkarnation in Ägypten imaginativ zeigte, aber auch einige Rätsel hinterließ, sodass ich einen größeren Zusammenhang verfolgen will, die den Bezug zur Gegenwart erhellen könnte. Zunächst lassen sich keine weiteren Imaginationen erbilden. Ich gerate stattdessen in einen beunruhigenden inneren Dunkel, der mich quasi empfiehlt, die Meditation zu beenden. Was liegt dabei vor? Ist es ein Ausdruck der sogenannten Hüter der Schwelle, der mich vor der harten Erkenntnis des Karmas beschützt? Mich anbietet, meine Fragen zu überdenken, sie von aller Egoismus zu befreien?

Würde ich aus der meditativen Tätigkeit abspringen, würde ich wahrscheinlich lange Zeit eine Antwort schuldig bleiben. Nur wenn ich im Ringen mit dem aufgekommenen Zweifel mich nicht beirren lasse, und die Intention der Karmaforschung eisern fortsetze, ohne ein Ergebnis bekommen zu wollen – also den goldenen Regel des Geistesschülers zusage, dass ich keinesfalls etwas wünsche, bevor ich eine Wahrheit auf einem Gebiet erkannt habe –, sondern meinen Willen als Licht um mich im Dunkel ausbreite, wird es mir gelingen, das Wesen zu erkennen. Weil ich in demselben Moment auch den geistigen Gesetz denken kann, dass nur Christus – oder ein Wesen, das ihm verbunden ist – mir ein wahres Karmaerkenntnis schenkt, und ich in dieser Ohnmacht nicht erstarre, sondern emphatisch und empfänglich werde, wird mein Ich-Wesen quasi ‚wohlriechend’ für andere Wesen. Für Wesen, die dem Herr des Karmas wohl wollend sind und denen er zugeneigt ist, ist dieser ‚Duft’ angenehm, für andere Wesen nicht. Sie müssen davor quasi entfliehen.

Es obliegt dem Hüter der Schwelle, Ahriman für uns in der sinnlichen Welt möglichst stark unsichtbar zu halten, sodass wir nur dasjenige zur Bewahrung des Augenblicks für die Ewigkeit entfalten, was in unseren menschlichen Kräften liegt. Wenn wir uns für die wertvollen Schätze der Zeitlichkeit von Ahriman helfen lassen, so ist das gut, sagte Rudolf Steiner. Das bedeutet, dass er ‚sichtbar’ werden sollte, wenn wir ihn übersinnlich begegnen. Aber Ahriman läuft vor der Witterung des inneren Menschen davon? Wie? Er verlässt die Bühne wie in sich selbst aufgehend, als würde er sich aus dem Umkreis verkleinernd in einem Punkt auflösen. Gleichzeitig bewirkt die wohltuende Anwesenheit Christi, die aber nicht unbedingt imaginativ erscheinen muss, dass da wo Ahriman vorhanden war, aber sich im Dunkel verbarg, eine neue karmische Erkenntnis – wie einen Sonnenaufgang – aufgeht.

Die Frostigkeit Ahrimans, die noch als Nachempfindung furchterregend sein würde, lässt sich als Rahmenbedingung der aufgehenden Schau des früheren Lebens benutzen. Setze ich sein starres Konformitätsstreben als meine Formkraft ein, erhält die Karmaforschung einen nüchternen Boden, der mich vor der luziferischen Gefahr des Aufgehens, des Hochmuts im Umgang mit den neuen Erkenntnissen bewahrt. Die Erkenntnisimaginationen verlieren im Normalbewusstsein alsbald ihren starken ‚Duft’ und ihre prächtigen ‚Farben’. Stattdessen erwächst ihr Potenzial als ‚trockene’ Palette für neue Erforschungen, aber ich muss deswegen nicht den Teufel an die Wand malen.

Bild: Jesus und die zu Boden gestürzten Soldaten. Im Gebetsbuch der Markgräfin von Brandenburg, um 1520. Codex Durlach 2, Manuscript in der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe. Quelle: Wikimedia

5
Jul
2009

Weil ich nicht alles verstehe, meditiere ich

Ad-Din_Rumi










Bald bin ich rein, bald bin ich trüb,
Bald bin ich weiß, bald bin ich schwarz,
Dieses und jenes ist gut.


Rumi
in: Aus dem Buchstaben Schin
(In der Übersetzung von Josef von Hammer-Purgstall, 1818)

M
editation ist zunächst entgegengesetzt der intellektuellen Betätigung, alles verstehen zu wollen. Wenn ich meditiere, versuche ich den Intellekt auszuschalten, um mich einem meditativen Inhalt oder dem Meditieren selber als seelischem Tun zu widmen. Der Meditationsinhalt kann ein Begriff, ein Gedanke, ein Text, ein Mantram sein. Ich kann mich auch andere Inhalte, Bilder, Symbole oder physische Körperhaltungen, z. B. wie im Yoga, vornehmen, um mich auf sie zu konzentrieren oder mich in sie zu versenken.

Meditation wird, richtig empfunden, als die Pflege des Lebens der eigenen Seele und des Geistes gesehen. Sie braucht und will Klarheit, Geduld und Seelenenergie aufblühen lassen. Sie wird gedeihen in dem Sinne, wie ich mich selbst verspreche, mich in täglicher oder rhythmischer Kontinuität zu üben. Aber das schaffe ich doch nicht immer. Ich kann es wollen, aber dann wissen, wenn es nicht klappt – weil gerade ein Feuerwehrfest oder ein Jugendtreffen mit Softrock im gegenüberliegenden Feuerwehrhaus stattfindet, was mich eigentlich nicht stört –, dass ich es noch mal versuchen kann. Meditation ist daher eine der freiesten Handlungen, die jemand sich vornehmen kann, weil sie nur aus dem Ich für höhere, ethische Zwecke eingesetzt wird.

Meditation kann Selbsterkenntnis so weit entwickeln, dass ich mich als reiner Geist erlebe und deswegen in spirituellen Kontakt mit anderen Geistwandelnden treten kann. Hingabe und Liebe zu dem, was mir in der Meditation als der Strom des Daseins entgegen tritt, muss so gesteigert werden, dass alle Willkürlichkeit, Regsamkeit und Ichbezogenheit überwunden wird. Meditation ist gesteigerte Aufmerksamkeit auf das Geistige. Wenn sie Seeleneigenschaften wie Charakterstärke, innere Wahrhaftigkeit, Besonnenheit und Seelenruhe gewohnheitsmäßig macht, wird sie dem Meditierenden gute Erfolge schenken. Diese Früchte der Meditation kann ich dann bei anderen beobachten, die das Meditieren fleißig üben.

In der Meditation geht es meistens jedoch nicht darum, das Höchste und Größte des Geistigen zu suchen, sondern sich auch mit Kleinigkeiten des Seelenlebens zufrieden zu geben, bedeutungsvolle Kleinigkeiten, die ermöglichen, dass der Stein der Weisen in der Aura zur Entfaltung kommen kann. Eine bekannte Anekdote aus dem Leben des ägyptischen Sufi und Magier Dhu n-Nun (796-859) erzählt davon, dass er bei der Suche der muslimischen Frommen nach dem größten Namen Gottes gesagt haben soll: Zeige mir den kleinsten!

Bild: Der islamische Mystiker und Sufipoet Dschalal ad-Din Rumi (1207-73), einer der bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters, in Kontemplation. Quelle: Wikipedia
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