Vom Gehen zur Fußphilosophie
Gehen, Sprechen und Denken sind aufeinander bezogene Urgesten der menschlichen Biographie, die in der ersten Kindheit den weiteren Lern- und Entwicklungsstufen vorausgehen. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich das Gehen schon mit 9 Monaten lernte. Unterstützt von einem geschnitzten Holzpferd auf vier Rädern war ich sehr eifrig, um das Gehen zu üben. Seitdem bin ich viel gegangen, aber herauszufinden, wie viele Schritte ich seitdem erledigt habe, wäre schier unmöglich, durch normales Denken exakt herauszufinden. Mit dem Sprechen und mit dem Denken kam ich auch bis jetzt irgendwie gut zurecht. Sprechen kann ich sogar in mehreren Sprachen ausüben. In wie vielen Sprachen ich denken kann, bleibt mein Geheimnis. Anderen kann ich diese innere Bedienung jedoch schwierig nahe bringen, nämlich, dass ich in diesem Moment auf Deutsch denke und nicht auf Norwegisch, was in meinem Fall jedoch natürlicher wäre. Ob jemand in Fremdsprachen denken kann, ohne sie sprechen zu können, lasse
ich dahingestellt, weil es das hiesige Thema nicht direkt angeht.
Dass man beim Gehen sehr gut Denken kann, wissen wir vom weltberühmtesten Geheimrat. Goethe – nämlich – liebte, zu gehen; zu denken, liebte er ebenfalls. Als ich 1983 im alten DDR das Goethehaus in Weimar besuchte, konnte ich quasi in seinen Spuren des Holzbodens treten, die er über Jahre hin in seinem Arbeitszimmer hinterlassen hat. Dabei konnte ich seine Gedankenspuren wie ein Kind lesen, und lesend in seinen Schriften nachvollziehen. Heute kann man nicht mehr dort in seinen Fußstapfen treten, da das Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus nach der Wende neu organisiert wurde, und die Besucher meistens nur in seine hinterlassenen Zimmer hineingucken darf, ohne sie wirklich zu betreten.
Goethes Satz: „Wer sichere Schritte tun will, muß sie langsam tun.“ bezieht sich vielleicht nicht nur auf das Gehen im Allgemeinen, sondern weist auch auf unsere ganze Lebensrichtung, wie wir im Leben vorwärts kommen wollen, ob durch Beschleunigung, was heute eher normal geworden ist, oder nicht. Die Langsamkeit ist, seitdem die Stressforschung entstand, Gott sei Dank wieder „in“ geworden. So ist es auch interessant festzustellen, dass das Gehen – vielleicht sogar in goetheanistischer Sicht – nun wieder für die akademische Wissenschaft eine Bedeutung bekommen hat. Die Spaziergangswissenschaft (auch Promenadologie, englisch Strollology) beschäftigt sich mit der Erfassung und gedanklichen Einordnung der Umwelt durch Promenieren und Ambulieren (Lustwandeln). Der Schweizer Soziologe und Nationalökonom Lucius Burckhard (1925–2003) begründete sie zusammen mit seiner Frau Annemarie in den 80er Jahren im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Gesamthochschule Kassel.
In vielen Sports, die auf das Gehen oder Laufen begründet sind, geht es meistens um Schnelligkeit, indem der Athlet so schnell wie möglich sich auf einer festgelegten Strecke mittels der eigenen zwei Beinen und Füßen fortbewegen muss – sei es mit oder ohne Hindernisse in der Arena, auf einer Straße oder im Wald. Es gibt eine olympische Disziplin, die einige für das normale Gehen typische Merkmale als sportliche Regel festgelegt bekommen hat: die leichtathletische Disziplin des Gehens (norwegisch Kappgang, englisch Racewalking), bei der, im Unterschied zum Laufen, kein für das menschliche Auge sichtbarer Verlust des Bodenkontakts vorkommen darf. Weiter muss das ausschreitende Bein beim Aufsetzen auf den Boden bis zur aufrechten Stellung gestreckt, d.h. am Knie nicht gebeugt sein.
Die Geschichte des Gehens ist über 300 Jahre alt. Schon 1682 fand in London ein Geher-Wettkampf statt, der aus einem fünfstündigen Dauergehen bestand. Im 18. und 19. Jahrhundert war das Gehen ein populärer Zuschauersport in Großbritannien. Einer der berühmtesten Fußgänger damals hieß Robert Barclay Allardice, bekannt als der „Gefeierte Fußgänger“ (englisch The Celebrated Pedestrian). Er stellte seinen größten Rekord zwischen dem 1. Juni und dem 12. Juli 1809 auf, als er es schaffte, jeweils eine englische Meile zurückzulegen während 1000 Stunden. Bei diesem Ereignis schauten zirka 10.000 Schaulustige zu. Zuerst 1932 wurden das 50-km-Gehen und 1956 das 20-km-Gehen und 1992 das Frauen-Gehen als olympische Diszipline aufgenommen.
In meiner Kindheit und Jugendzeit habe ich viel Sport betrieben; in der Leichtathletik in der Schule besonders Hochsprung, Weitsprung und Laufen, in der Freizeit Fußball und im Winter Schlittschuhlaufen, Slalom und Skispringen. Im Fernsehen sah ich oft die Sportsendungen und entdeckte dabei die besondere Gehart des olympischen Gehens. Beim Wandern oder Gehen im Wald und in den Bergen habe ich diesen besonderen Stil damals ausprobiert, ohne mich um die oft lustigen Kommentare der Freunde und Familie zu kümmern. Später als erwachsener Fußgänger habe ich es für meine Kinder manchmal gezeigt. Als im letzten Sommer meine Ehefrau es wieder einmal schaffte, mich auf die Waldwege der Bliesgau zu locken, und sie für sich vorhatte, die speziellen Stöcke des Nordic Walking anzuschaffen, habe ich wieder angefangen dementsprechend zu gehen. Jetzt geht sie auch so mit keinen Stöcken, und unbekümmert der vielen schmunzelnden Blicke, wenn wir durch den Dorf – wie unserer Sohn auf seinem Fahrrad ruft – „Gänsegänger“ gehen, beherzigen wir uns selbst und einander, weil wir gleichlaufend auch beobachten, reden und philosophieren können, und wenn wir dieserart mehrere Kilometer auf den Wiesenwegen und durchs Wald die physischen Leiber trainieren, ohne die Puste zu verlieren. Nachdem der Geher Trond Nymark das Silber auf 50 Kilometer für Norwegen in der Weltmeisterschaft der Leichtathletik in Berlin sicherte, etwa zwei Minuten und 30 Sekunden hinter dem Russen Sergei Kirdjapkin, fühlt es sich noch besser, dieses Gehen zu gehen.
Die Entwicklungsschritte des Kindes durch Gehen, Sprechen und Denken, die in der Waldorfpädagogik und in der anthroposophischen Psychologie betont werden, sind interessanterweise keine Entdeckung von Rudolf Steiner, sondern sie wurden schon vom deutschen Dichter, Übersetzer, Theologe und Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik, Johann Gottfried von Herder (1744-1803) in seiner Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (4 Teile, 1784/91) beschrieben. „Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf; denn durch ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernt, wird er eingeweiht, alle zu lernen und gleichsam eine lebendige Kunst zu werden. […] Durch die Bildung zum aufrechten Gange bekam der Mensch freie und künstliche Hände, Werkzeuge der feinsten Hantierungen und eines immerwährenden Tastens nach neuen, klaren Ideen.“
Die ersten Strophen des Kinderbuchautors und Kinderliedermachers Fredrik Vahle in seinem Gedicht Das Gehen fassen solche Gedanken über das Gehen unvergleichlich zusammen:
Das Gehen, wie geht das denn los?
Das kleine Kind, was macht es bloß?
Bewegt sich mit den Säugetieren
krabbelfroh auf allen Vieren.
Dann schaut es hoch, und es versteht,
die Menschheit krabbelt nicht, sie geht.
Geht, als wär’ Krabbeln ihr verboten,
braucht dazu nur die Hinterpfoten.
Im Kind ist etwas aufgewacht,
wenn’s steht, die ersten Schritte macht.
Groß werden ist ein Risiko,
bums, sitzt es wieder auf dem Po.
Es merkt, dass man auf dieser Welt
sehr schnell auf seine Nase fällt.
Im Leben ist’s wie überall,
der Mensch wird eben schnell zum Fall. –
Das Kind steht auf, läuft los, und wie.
Im Fuß erwacht die Phantasie.
Es hüpft und tänzelt, hopst und springt
am liebsten, wenn Musik erklingt.
Für Füße ist es der größte Segen,
wenn sie barfuß laufend sich frei bewegen.
Das Kind läuft los, tappelt laut und leise
Geraden und Kurven, Winkel und Kreise.
Es ist, als ob Füße die Anfänge wissen
von Buchstaben, die Kinder schreiben müssen.
Was machen die Füße? Sie gehen und gehen.
Erst durch Gehen kann ein Weg entstehen.
Der Spanier sagt das ganz klipp und klar:
Se hace camino al andar.
Doch im Weg, da steckt noch was andres drin,
der Weg wird oft verbunden mit Sinn.
Finde den Weg, und du findest den Sinn,
deinen Lebensweg und dich selbst mittendrin.
(Und da fällt mir ein: Bei den alten Chinesen
sind Weg und Sinn stets ein Wort gewesen.)
Fußphilosophie, so von ganz alleine
aus der Bewegung meiner zwei Beine.
Buddha ging zeitlebens sehr viel
und sagte schließlich: Der Weg ist das Ziel.
Und die alten Griechen: Was taten die?
Im Gehen entstand ihre Philosophie.
Bild: Ich gehe, also bin ich! Kinderzeichnung zu einem Vortrag von Marco Hüttenmoser, anlässlich der Präsentation des Projekts „Schulweg selbständig und sicher erleben! Kinder von Balzers Liechtenstein zeichnen ihren Schulweg“ des Verkehrsclubs Liechtenstein (VCL) im Rahmen des ViaNova Interreg III Projekts Alpine Space der EU. Quelle: eu-vianova.net
Freelancer - 15. Sep, 19:55
